| Auszug aus dem 2. Kapitel - Als Seelenarzt
zu Gast bei Huckleyberry Finn: |
"Was soll denn dieser Unfug, den Huckleberry Finn zu idealisieren?
Das ist doch ein armer Teufel, der ohne ein Elternhaus aufwächst!
Heißt es nicht immer, wie wichtig die Geborgenheit in
dem Elternhaus für die gesunde Entwicklung der Kinder ist?"
Vermutlich würde ein Huckleberry Finn in unserer
Gegenwart ganz anders leben. Vielleicht würde er aufgrund der
fehlenden "ökologischen Nischen", das heißt
Freiräumen wie Wald, Fluss, Floß, auch die meiste Zeit
des Tages vor dem Fernseher oder dem Videogerät sitzen. Vielleicht
könnte er uns aber auch noch einige neue Nischen zeigen.
Was an dem literarischen Huckleberry Finn aufgezeigt werden soll,
ist, dass ein solches Erleben der Welt mit allen Sinnen - die Erfahrung
der eigenen "Kompetenz" - eine fehlende Geborgenheit zum
Teil ersetzen kann. Nicht vollständig natürlich, aber
Zutrauen in die Welt kann auch auf diese Weise erworben werden.
Dies meint zugleich, dass ich die Fähigkeiten, die in mir schlummern,
ausprobiere, ohne dass ich den Interessen und Weisungen eines anderen
folge, d.h. mich selbst finde und "verwirkliche", indem
meine Motivation im Spielen umgesetzt wird.
Damit soll also weiterhin aufgezeigt werden, dass elterliche
Geborgenheit in einen Würgegriff umschlagen kann, wenn die
Eltern aus eigener Not heraus nicht mehr die Bedürfnisse und
Interessen ihres Kindes im Auge haben, sondern vorwiegend ihre eigenen
Ängste in Schach halten. Von daher wäre weniger Einflussnahme
auf das Kind oft mehr. Dies meint aber keinesfalls Gleichgültigkeit
oder antiautoritäre Erziehung, sondern ein Bereitstellen von
Freiräumen, in denen ein Kind so wie der Huckleberry Finn abenteuern
kann und dabei über sich und die Welt etwas erfährt. Diese
Freiräume sind jedoch in unserer Welt mit ihrer Technik und
ihrem Leistungsdenken nicht mehr selbstverständlich. Die Welt
der Kinder ist einbetoniert und zuasphaltiert. * Dieses Buch ist
eine Aufforderung, mit der Spitzhacke einige Quadratmeter Asphalt
herauszuschlagen. Wenn alle Eltern das täten, käme eine
ganz schöne Fläche dabei heraus." |
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*Damit ist ein bildhafter Wortgebrauch gemeint.
Freiräume zum Spielen können für Großstadtkinder
auch Hinterhöfe und Graffiti darstellen. |
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| Buchillustration
Alexander Pey |
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