Angst im Spiel
Um ein balanciertes Umgehen mit den spannenden „Gefühlsgeschwistern“ Angst und Aggression geht es auch beim Spielen sehr häufig: In der Phantasie entstehen Bedrohungen, die bekämpft werden müssen, Puppen oder Playmobilfiguren werden zermalmt oder von Ungeheuern aufgefressen, mal ist das spielende Kind Aggressor und Bösewicht, mal muss es selbst gegen die Gefahr kämpfen. Unzählige Märchen und Geschichten leben von dieser Erregung. Populärstes Beispiel sind die „Harry Potter“-Bücher, in denen Angst und Aggression eine zentrale Rolle spielen.
|
|
Auch in Märchen und Geschichten
spielen Angst und Aggression
eine zentrale Rolle.
© Photo WarnerBros |
|
Ängstliche Satansbraten und wütende Angsthasen
Die sieben-jährige Lena war eigentlich eher „pflegeleicht“, die Trotzphase war überstanden und Wutanfälle eher selten. Doch einmal die Woche wurde sie zur Furie. Da hatte ihre Mama Petra ihren freien Nachmittag und brachte Lena zur Oma, wogegen sie sich buchstäblich mit Händen und Füssen wehrte. Lena und Oma verstanden sich prächtig, daran konnte es also nicht liegen. Petra war überzeugt, dass Lena ihr die wohlverdiente Freizeit vermiesen wollte, jedes Mal gab es ein Drama und einen dicken Streit. Bis sie dann, eher durch Zufall, herausfand, was eigentlich los war: In der Nachbarschaft der Oma gab es einen älteren Jungen, der die spielenden Kinder erschreckte und einschüchterte. Lena hatte große Angst vor ihm, traute sich aber nicht, den Erwachsenen davon zu erzählen.
Für Kinder ist es manchmal schwierig, ihre Gefühle zu formulieren oder einen konstruktiven Umgang damit zu finden, sie agieren diese direkt aus – ohne dass der Grund für ihre Gefühle für die Erwachsene immer verständlich ist. Die evolutionär ursprünglichste Angstreaktion auf eine direkte Bedrohung: Der Körper schüttet Stresshormone aus und ist dadurch in Sekundenschnelle fähig, gegen die Gefahr zu kämpfen oder vor ihr zu flüchten- „Fight or Flight“ ist die Devise. Ein Mensch, der Angst empfindet, hat in diesem Stresszustand oft ein hohes Aggressionspotential. So auch die kleine Lena: Sie kämpfte mit großer Vehemenz und scheinbarer Wut gegen die angstmachende Situation an. Eltern sind manchmal regelrecht erschrocken, wenn sie erleben, mit welcher Aggression Kinder auf Bedrohungen reagieren. Das kann sogar soweit gehen, dass die Angst, die sich hinter dem Wutanfall verbergen kann, gar nicht mehr gesehen wird. Auch wenn der Auslöser der Angst ganz woanders zu finden ist: Die Eltern sind häufig das Gegenüber, auf das die Aggression des Kindes trifft. Schnell haben sie dann den Eindruck, von ihrem Kind terrorisiert zu werden und mit ihm einen Machtkampf auszufechten. Hat das Kind dann noch das Gefühl, von den Entscheidungen und der Hilfe der Erwachsenen abhängig zu sein, gibt das der mit der Angst einhergehenden Wut des Kindes noch einmal richtig Zündstoff. Den Eltern kann es helfen, einen kühlen Kopf zu bewahren, wenn sie sich diese Reaktionsmuster klar machen, um nicht ihrerseits „automatisch“ mit Aggression zu reagieren und einen immer wiederkehrenden Streitteufelskreis heraufzubeschwören. Kinder können ihre Ängste meistens viel schneller los werden, wenn sie diese auch in Form von Wut ausagieren dürfen. Außerdem ist es, wie in dem Fall der kleinen Lena, manchmal sinnvoll, etwas zu verändern, um die Angst zu lindern. So haben sich Lenas Eltern mit den Eltern der Spielkameraden zusammengesetzt, um eine Lösung zu finden.
Doch auch umgekehrt kann aus der Aggression Angst entstehen. So sind Kinder manchmal gerade dann, wenn sie aggressiv waren, nachher besonders anschmiegsam. Sie haben Angst, zu weit gegangen zu sein und müssen sich der Liebe der Eltern wieder vergewissern. Darf ein Kind seine Aggressionen nicht zeigen und muss es mit Strafen und Sanktionen rechnen, dann kann hieraus Angst vor der eigenen „bösen“ Wut resultieren. Problematisch ist es für Kinder, wenn sie damit rechnen müssen, dass ihre Eltern auf das Ausleben eigener Aggressionen mit Handgreiflichkeiten reagieren. Selbstverständlich muss ein Kind lernen, mit seinem Zorn umzugehen, ohne sich oder andere zu gefährden oder Dinge kaputt zu machen. Aber es sollte auch mal schimpfen und meckern dürfen oder im Kinderzimmer seine Wut austoben können, ohne gleich mit Sanktionen rechnen zu müssen. Kinder wie Erwachsene müssen lernen, wie sie ihre Ängste und Aggressionen auflösen können. Dies kann im Spiel wie im „Ernst“, also im echten Leben sein. Hilfreich ist es für Kinder, wenn sie darauf vertrauen können, dass es nach einem Konflikt Raum für eine Versöhnung gibt. Hier können Eltern durch ihren eigenen Umgang mit Ängsten und Aggressionen als Vorbild fungieren.
|
Das Gefühl,
von den Entscheidungen
und der Hilfe der Erwachsenen abhängig zu sein, gibt der mit
der Angst einhergehenden Wut des Kindes noch einmal
richtig Zündstoff.
|
Angst und Medien
Kaum ein Filmplot kommt ohne die Komponenten Bedrohung und deren Auflösung aus. Die böse Hexe, ein Gangster oder ein irrer Psychopath – Bösewichte, vor denen man sich fürchten
kann gibt es unzählige. Meistens sind da aber zum Glück auch die „Guten“, mit denen man sich identifizieren kann und die ihre Widersacher besiegen. Diesen Erregungsaufbau durch Angst und Aggression und den darauf folgende Abbau gibt es - in Fantasiespielen und Geschichten - seit Menschengedenken und zeigt, dass Menschen Emotionen wie Angst und Aggression als elementaren Bestandteil ihres Lebens fühlen möchten und nach Bewältigungsmöglichkeiten suchen. Kinder können heute kaum vor beängstigenden Filmen, Fotos und Videospielen bewahrt werden. Bis zu einem gewissen Punkt gehören diese Medien heute zum Leben dazu. Angst und Aggressionsgefühlen auf diese Art zu begegnen, übt auf Kinder und Jugendliche einen großen Reiz aus. Erwachsene sollten aber den Konsum dieser Medien zeitlich und inhaltlich begrenzen. Und häufig reicht das Happy-End nicht aus, um die Erregung aus Angst und Aggression wirklich aufzulösen. Dafür brauchen Kinder ausreichend Bewegung und Zeit zum Spielen und die Möglichkeit, mit ihren Eltern über ihre Empfindungen und Gedanken zu sprechen. Die Sensibilität ist von Kind zu Kind sehr unterschiedlich. Es kann gut sein, dass sich ein Kind relativ ungerührt einen Harry-Potter-Film ansieht, während sich ein Gleichaltriger schon vor der bösen Hexe bei Bibi Blocksberg so fürchtet, dass er abends schlecht einschlafen kann.
|

Die „Guten“, die mit kaum
geringerer Brutalität ihre
Widersacher besiegen.
|
BUCHTIPP:
Titel |
Kinderängste.
Erkennen - Verstehen - Helfen
|

© Beck 2007 |
Autor |
Reinmar du Bois |
| Zielgruppe |
Interessierte
Eltern und Erzieher |
| Verlag |
C.H. Beck; 4. Auflage |
| Kategorie |
Ratgeber |
| Bestellnummer |
978-3406547515 |
| Preis |
ca.
12,90 € |
Autorin: Nikola Materne
|
|