Kindheit heute 


  Doch heute müssen viele Kinder häufig darauf verzichten. Von den Eltern überall hin begleitet und an jedem Ort gut beaufsichtigt sind die Kids selten unter sich. Ein „Großer“ wacht fast immer über Wohl und Wehe des Kindes. Und das nur mit den besten Absichten. Eltern wollen für ihre Kinder da sein, ihnen die Welt erklären und sie beschützen – und nehmen ihnen damit wertvollen Raum, sich unbeobachtet auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln.
   Natürlich geht es nicht darum, Kinder zu vernachlässigen, sondern eher darum, auch mal bewusst in den Hintergrund zu treten und den Kindern Freiraum zu geben, im Spiel miteinander oder auch ganz allein. Auch wenn es für uns Erwachsene schade ist: Richtig toll und aufregend wird’s für Kinder oft erst ohne uns. Geheimnisse, Streits, Fantasiespiele, Träumereien, Freundschaften – es gibt eine ganze Kindererlebniswelt, in der die Erwachsenen nur Statisten sind. 
 

„Verinselung“ der Kindheit

  Morgens wird die neunjährige Franziska von Papa mit dem Auto in die Schule gebracht, Mittags holt Mama sie ab. Nach dem Essen geht es zum Flötenunterricht, wieder mit dem Auto, danach gehen Mama und sie auf den Spielplatz. Dort trifft sie ein paar Freundinnen, die auch alle begleitet von Papa oder Mama da sind. Überhaupt sieht man eine Menge Erwachsener, die ihre Kinder auf der Schaukel anschubsen oder sie auf die Klettergerüste hieven, im Gepäck Getränke und Snacks, falls die lieben Kleinen mal Hunger oder Durst bekommen.
   An anderen Nachmittagen bringen ihre Eltern sie zu einer Freundin, zum Schwimmen oder zum Tanzunterricht. Karlas Leben ist „verinselt“. Darunter verstehen Soziologen zum einen ein räumliches Phänomen, nämlich die Tatsache, dass die Stadt immer mehr reine Erwachsenenwelt wird und für Kinder nur noch bestimmte „Inseln“, wie die Schule, der Kindergarten oder der Spielplatz, existieren. Zu diesen Orten gelangen sie häufig nur mit Hilfe oder unter Begleitung von Erwachsenen.

   Zum anderen wird die Zeit „verinselt“: der Schulbesuch, das Ausüben verschiedener Hobbys oder das Treffen mit der Freundin sind „Events“ mit einem bestimmten Zweck, zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort. Der Raum für Zufälligkeiten, sich Treiben lassen und kreative Gestaltung wird immer kleiner. Auch hier ist die Absicht der Erwachsenen immer eine gute: Das Kind soll gut beschützt von einem Ort zum anderen gelangen, es soll Instrumente lernen, gefördert werden und Freundschaften pflegen. Immer weniger Kinder sollen immer bessere Möglichkeiten und Chancen bekommen.
  „Der Wert des einzelnen Kindes ist enorm gestiegen, seit Eltern entscheiden können, ob sie Kinder wollen“, schreibt der Kinderarzt Remo H. Largo. „Und wenn sie sich dafür entscheiden, dann muss es ein Erfolg werden.“ Neben dem guten Willen ist bei manchen Eltern auch eine ganze Portion Leistungsdruck im Spiel: Die Kleinen sollen ja schließlich nicht zu den gesellschaftlichen Verlierern der Zukunft gehören, da müssen sie schon früh fit für das Leben gemacht werden. Doch vor lauter Beschützt- und Gelenktwerden lernen sie viele elementare Dinge zu wenig, werden unselbstständig und ängstlich.
   Viele Verkehrsexperten zum Beispiel warnen, dass Kinder nicht mehr ausreichend lernen, im Straßenverkehr klar zu kommen, weil sie viel zu viel chauffiert werden. Und wie traurig ist es, wenn nicht einmal mehr Kinder in den Genuss von wirklich freier Zeit im wahrsten Sinne des Wortes kommen? Wenn ein verspielter Nachmittag voller Überraschungen und Ideen, aber auch Herumtrödeln und Blödeln gar nicht mehr drin sitzt? Auch das körperliche Austoben kommt bei vielen Kindern inzwischen häufig zu kurz, motorische Defizite sind die Folge.


Und Mama ist immer dabei

  Charlotte hat Geburtstag, sie wird fünf. Neben vier kleinen Gästen in Charlottes Alter sind auch deren Eltern eingeladen, außerdem ihre Oma, eine Nachbarin und zwei Freundinnen von Charlottes Mutter. Mit ihren Eltern sind also neben den fünf Kindern zehn Erwachsene da. Zwischen den Kindern entspinnt sich, unter feiner Beobachtung der „Großen“, ein Konflikt. Ein Mädchen wird scheinbar ausgegrenzt, die Erwachsenen schreiten sofort ein, schlichten, erklären und versuchen, das Mädchen zu trösten und wieder ins Geschehen zu integrieren. Klar, der Kleinen soll es nicht schlecht ergehen und außerdem sollen die anderen soziales Verhalten lernen.
   Aber klappt das wirklich auf diese Art und Weise? Lernen Kinder Konflikte, indem die Erwachsenen alles für sie regeln? Kummer, Gefahren und Ärger lauern für ein Kind überall, aber lernt es, damit umzugehen, wenn es so weit wie möglich davor bewahrt wird? Wahrscheinlich nicht.

   Der Neurobiologe Gerald Hüther dazu: „Kinder unter Daueraufsicht, die immer nur an der Hand von Erwachsenen umhergeführt werden, gleichen Haustieren, Stalleseln, die das Leben in der Freiheit nicht kennen. Aus der Hirnforschung wissen wir, dass unter diesen Bedingungen die Ausreifung des Gehirns nicht optimal gelingt. Das Gehirn bleibt eine Kümmerversion dessen, was daraus hätte werden können.“
  
   Freies Spielen und Entdecken, Toben und Erfinden, ohne dass ein Erwachsener eingreift und kontrolliert, das macht nicht nur besonders viel Spaß, sondern ist auch besonders wichtig und gut für die Entwicklung der Kleinen. Ein bisschen an „Big Brother“ fühlt man sich erinnert, wenn man die Möglichkeiten sieht, die Handys Eltern heute zur Kontrolle bieten. Mit Hilfe von GPS lässt sich der Aufenthaltsort auf zehn Meter genau verorten und einige Handys senden automatisch eine sms an die Eltern, wenn sich das Kind aus einem bestimmten Radius heraus bewegt. Natürlich wollen auch hier Eltern nur gut für ihr Kind sorgen und Sicherheit bieten. Aber wir sollten uns immer wieder an unsere eigene Kindheit erinnern und daran, wie sehr wir es genossen haben, ohne Erwachsene zu sein. Und unsere kleinen Rückzugsmöglichkeiten zu haben, Geheimplätze und Orte, wo uns keiner finden konnte.
   Fürsorge bedeutet eben nicht nur Begleitung und Nähe, sondern auch Vertrauen und Loslassen.

Autorin: Nikola Materne



Es geht nicht
darum, Kinder zu
vernachlässigen,
sondern eher darum,auch mal bewusst in
den Hintergrund
zu treten.





























Wo ein Wille ist, ist längst nicht immer ein (Schul-)Weg!





















„Kinder unter Daueraufsicht gleichen Haustieren, die
das Leben in der Freiheit nicht kennen."