"Schatz, wir müssen reden" - wenn das nur so einfach wäre. Kommunikationsprobleme zählen zu den häufigsten Partnerschaftsproblemen. Gespräche über heikle Themen werden bei Liebenden gerne und häufig vermieden. Das Projekt THERATALK der Uni Göttingen hat nach den Ursachen geforscht. Dr. Ragnar Beer, Diplom-Psychologe und Leiter der Studie erklärt, was dabei rauskam.
Das Interview
SE:
Lieber Herr Beer, nach Ihren Untersuchungen gehören Kommunikationsprobleme zu den häufigsten Partnerschaftsproblemen überhaupt. Jede zweite Beziehung sei davon betroffen. Was läuft denn falsch beim miteinander reden?
Dr. Beer:
Vielen Menschen fällt es grundsätzlich eher schwer, über persönliche oder sehr intime Dinge zu sprechen. Wenn es dann noch nach Konflikten oder Problemen riecht, fällt es doppelt schwer. Und das eben ganz besonders mit dem Partner den man liebt.
SE:
Aber bei diesem Menschen fühlt man sich doch eigentlich am besten aufgehoben?
Dr. Beer:
Das stimmt, allerdings besteht hier auch immer die Angst diesen Menschen zu verlieren. In der Liebe hat eben alles eine andere Wertigkeit. Probleme haben beim Partner eine ganz andere emotionale Bedeutung. Man will den Partner nicht verletzen oder belasten, möchte nicht anecken oder negativ wirken. Oder weiß bereits, welche Themen echt gefährlich sind. Oft werden Problemgespräche dann auf die lange Bank geschoben oder sogar ganz vermieden.
SE:
Sie haben in Ihrem Online-Projekt über 18000 Männern und Frauen nach ihrem persönlichen Problemverhalten befragt. Was kam dabei konkret raus?
Dr. Beer:
Die Ergebnisse haben uns überrascht und auch erschreckt. Rund 82 Prozent der Männer und Frauen haben angegeben, dass es bei ihnen in der Partnerschaft regelmäßig nicht zu wichtigen Gesprächen kommt, weil sie vermieden werden. Männer ziehen sich dabei häufiger zurück als Frauen: 65 Prozent der Frauen gaben an, mit ihren Gesprächswünschen beim Partner häufig kein Gehör zu finden, während dies nur 42 Prozent der Männer beklagten.

SE:
Das sind wirklich erschreckend hohe Zahlen! Wie fühlen sich die Menschen damit?
Dr. Beer:
Natürlich nicht besonders gut. Die Studie hat gezeigt, dass die Menschen, die dazu neigen, sich zurückzuziehen und Gespräche zu vermeiden, darüber selbst nicht glücklich sind. Während die, die aktiv das Gespräch suchen, sich ganz wohl in ihrer Partnerschaft fühlen. Meistens ist es auch ein Wechselspiel: Bei dem einen Thema will ER nicht reden, bei dem anderen SIE nicht. In irgendeiner Form ist fast jede Partnerschaft von Kommunikationsproblemen betroffen. Es hängt ja auch immer davon ab, welche Themen für Konflikte sorgen und welche nicht.
SE:
Wissen Sie, wie diese Kommunikationsprobleme entstehen?
Dr. Beer:
Sie entwickeln sich im Laufe der Zeit. Erst lernt man sich kennen, ist verliebt und findet alles am anderen toll. Irgendwann tauchen dann die ersten Konflikte auf. Mal sind es Kleinigkeiten, mal große Gefühlsfragen. Und nach und nach macht man Erfahrungen, wie gut oder eben auch wie schlecht man mit dem Partner darüber reden kann. Manches klappt gut, manches geht gar nicht. Und irgendwann können so Vermeidungstaktiken entstehen, frei nach dem Motto: Das ist ein heißes Eisen, da spreche ich lieber nicht drüber oder warte noch oder hoffe, dass sich die Angelegenheit von alleine regelt…
SE:
Und lösen sich Probleme von selbst?
Dr. Beer:
Manchmal sicher, aber eben nicht immer. Den meisten Menschen ist ja auch ganz klar, dass es besser wäre, über die Probleme gemeinsam zu sprechen. Was fehlt ist einfach das Werkzeug! Ohne Hammer bekomme ich den Nagel nicht in die Wand. Ohne Wissen, wie ich ein Problem konstruktiv besprechen kann, lande ich immer wieder im Streit. Und dauerhaft zerrt das an der Liebe. In unseren Partnerschafts-untersuchungen wird immer wieder ganz klar, dass Kommunikation zusammen mit der Körperlichkeit die wichtigste Basis einer Beziehung ist. Probleme in der Kommunikation sind auf Dauer Gift für die Liebe.
SE:
Erklärt das dann auch, dass sich so viele Paare trennen?
Dr. Beer:
Wir sehen da einen klaren Zusammenhang. Wenn man über Probleme nicht spricht, schaukeln sich die Emotionen immer weiter hoch. Der eine wird vielleicht immer wütender, der andere immer trauriger oder enttäuschter. Irgendwann eskaliert es dann oder einer der Partner zieht seinen Schlussstrich.
SE:
Gibt es Hilfe?
Dr. Beer:
Auf jeden Fall! Jeder kann lernen, besser zu kommunizieren. Leider ist das aber noch überhaupt kein Thema in unserer Gesellschaft. Oft ist es sogar noch ein richtiges Tabu. Schon kleine Kinder lernen zu Hause, dass Streit nicht in Ordnung ist. Wenn Mama und Papa ein Problem miteinander haben, werden die Kinder rausgeschickt, man redet hinter verschlossenen Türen oder grummelt vor sich hin. Die Botschaft, die dabei rüberkommt, ist natürlich: Konflikte sind was Böses. Viel besser wäre es doch, wenn schon Eltern ihren Kindern vorleben könnten, wie man offen und konstruktiv Probleme angeht und miteinander über alles sprechen kann. Im besten Fall müsste es sogar ein Schulfach geben, in dem Kinder und Jugendliche lernen, wie Kommunikation in allen Lebenslagen gelingen kann.SE:
Sollen betroffene Paare sich also auch Unterricht nehmen?
Dr. Beer:
Sie sollten sich auf jeden Fall Hilfe holen, z.B. in einer Eheberatung oder bei einer Paartherapie. Oft sind dafür nur wenige Stunden erforderlich, so dass auch keine hohen Kosten entstehen. Kommunikation kann man nämlich lernen, egal wie alt man ist. Der Therapeut ist dabei wie ein Fahrlehrer, der den Partnern zeigt, wie sie sich durch die Konflikte manövrieren, ohne den Partner im Gespräch zu verletzen. Wer das lernt, kann wieder neu anfangen. Je früher Paare sich Hilfe holen, desto besser sind die Aussichten, dass die Liebe gerettet werden kann.
Vielen Dank für das Gespräch!
Und wie gut ist die Kommunikation zwischen Ihnen und Ihrem Partner? Auf www.theratalk.de können Paare kostenlos den Kommunikationstest der Uni Göttingen machen, der Stärken und Schwächen anschaulich analysiert. Klicken Sie auf das Bild unten...

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Vielen Menschen
fällt es grundsätzlich eher schwer, über persönliche oder sehr intime Dinge
zu sprechen.
Probleme in der
Kommunikation
sind auf Dauer
Gift für die Liebe.

Im besten Fall
müsste es sogar
ein Schulfach geben, in dem Kinder und Jugendliche lernen, wie Kommunikation in allen Lebenslagen gelingen kann.
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