Kinderangst 6  

Der Weg zum Therapeuten

Der Weg, den Eltern gehen müssen, bis sie eine wirksame und akzeptable Hilfe gefunden haben, kann mühsam sein und verläuft oft über mehrere Stationen. Meistens werden zuerst einmal nahe stehende Menschen aus dem Familien- und Bekanntenkreis zu Rate gezogen. Werden zum Beispiel Freunde, Großeltern oder Lehrer einbezogen und können helfen, ist das für Eltern und Kinder eine gute Erfahrung. Doch manchmal versagt dieses „Laiensystem“. Dann ist es ratsam, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Damit aber tun sich viele Eltern schwer. Sie haben Angst, dass ihr Kind als „verrückt“ oder „krank“ abgestempelt wird. Oder sie wollen nicht, dass ein Fremder sie und ihr Kind „ausfragt“ und in den Familienangelegenheiten herumwühlt. Einen Psychologen oder Psychiater aufzusuchen, halten viele auch für eine persönliche Bankrotterklärung: Ich habe es nicht alleine hingekriegt. Dabei kann manchmal gerade eine neutrale, geschulte Person eine exzellente Hilfe bedeuten, um Eltern und Kinder in einer schwierigen oder verfahrenen Situation aus der Sackgasse zu führen. Eine frühe Behandlung verhindert, dass ein Problem zu einer chronischen Erkrankung wird und die Aussichten einer frühzeitigen Therapie gelten als besonders gut. Günter Esser, Psychologe an der Universität Potsdam dazu: „Der Veränderungsspielraum ist im Kindesalter einfach größer. Kinder entwickeln sich ständig und in viel drastischerem Maße als Erwachsene weiter, entdecken neue Seiten an sich und der Umwelt. Therapeuten haben bei ihnen viel mehr Möglichkeiten als bei erwachsenen Patienten, diese Entwicklungsdynamik zu nutzen."










Es gibt unzählige Arten von
Therapieansätzen zur Bewältigung
unterschiedlichster Ängste.

Der Anfang

Eltern, die gerne ein paar Tipps oder umfassendere Hilfe von einem Profi bekommen möchten, können sich an einen Kinderarzt wenden, vor allem dann, wenn das Kind noch klein ist. Der kann Eltern erste Einschätzungen und ersten Rat geben und überweist dann unter Umständen an Kinderpsychiater oder Kindertherapeuten.
Auch Selbsthilfeorganisationen oder andere Beratungsstellen können erster Anlaufpunkt sein. In jedem Falle geht es zunächst um eine Beratung und eine Sondierung des Problems, nicht um einen Therapievertrag. Vielleicht stellt sich bei einer Beratung auch heraus, dass eine andere Hilfe als eine Psychotherapie ansteht. Soll es dann wirklich eine Psychotherapie sein, kann eine Beratung auch helfen, die richtige Therapieform und einen geeigneten und qualifizierten Therapeuten in der Nähe zu finden.



In jedem Falle
geht es zunächst
um eine Beratung
und eine
Sondierung des
Problems,
nicht
um einen
Therapievertrag.


Welche Therapieformen gibt es?

Drei der wichtigsten Grundverfahren sind die Verhaltenstherapie, die Tiefenpsychologie und die Familientherapie. Viele Psychologen arbeiten aber auch mit mehreren Methoden und Mischformen und passen ihre Therapie den jeweiligen Bedürfnissen an.

Die Verhaltenstherapie setzt direkt beim Angsterleben an. Über Analysieren des Erlebens und Übungsprogramme soll die Angst abgebaut werden. Weitere Ziele der Verhaltenstherapie sind Alltagstauglichkeit, Allgemeinverständlichkeit und Lern- und Lehrbarkeit für jedermann. Natürlich muss auch in einer Verhaltenstherapie erst einmal geforscht werden, ob die Angst eine Reaktion auf eine unmittelbare äußere Belastung, wie zum Beispiel körperliche Misshandlung oder eine grobe Fehleinschätzung des Leistungs-vermögens ist. Grenzen der Verhaltenstherapie sind erreicht, wenn die Ängste des Kindes sehr unscharf und flächenhaft in vielen Lebensbereichen ausgebreitet ist.

Die Tiefenpsychologie geht im Gegensatz zur Verhaltenstherapie eher davon aus, dass die Angst ihren Ursprung in Erlebnissen, Spannungen und Widersprüchen hat, die weit zurückliegen und nicht immer erinnerbar sind. Die Angst tritt aufgrund neuer Belastungen zutage, die Voraussetzungen existieren schon lange vorher. Die Tiefenpsychologie macht sich sozusagen auf Spurensuche, die Angst wird als Hilferuf aufgefasst. Die tiefenpsychologische Therapie kann langwieriger als die Verhaltenstherapie sein. Das ist für Eltern und Kinder unter Umständen schwierig, die auf eine rasche Lösung des Problems drängen. Ängstliche Kinder sind aber in der Regel bereit, sich auf die Rahmenbedingungen einer tiefenpsychologischen Behandlung einzulassen, ja suchen geradezu eine geborgene zwischenmenschliche Beziehung zum Therapeuten.

Die Familientherapie geht davon aus, dass die Angst des Kindes mit dem Verhalten der anderen Familienmitglieder in Wechselbeziehung steht. Die ganze Familie wird „behandelt“, der Blickwinkel, unter dem die Angst des Kindes angeschaut wird, aber auch Gewohnheiten und Zwangsläufigkeiten sollen sich verändern. Das Familiengefüge wiederum kann auch die Kraft zur Bewältigung der Angst bieten. Im besten Fall erklären sich alle Mitglieder des „Systems“ Familie bereit, an der Therapie teilzunehmen. Dabei geht es aber nicht darum, die Familie an den Pranger zu stellen, sondern die Wechselbeziehungen aller in den Vordergrund zu stellen. Wichtige Grundvoraussetzung bei allen Therapieformen ist, dass sich sowohl Eltern als auch Kinder persönlich mit dem Therapeuten wohl fühlen.












Viele Psychologen arbeiten mit
mehreren
Methoden und Mischformen

und passen ihre Therapie den jeweiligen Bedürfnissen an.



Tipps zum Thema „Therapie“:

Lassen Sie ihrem Kind angemessene Freiräume zum eigenen Ausprobieren und Entdecken.
Um neugierig, mutig und motiviert zu sein, brauchen Kinder das Gefühl, dass ihnen etwas zugetraut wird. Das gilt natürlich auch für das Lernen in der Schule. Wer früh das Gefühl bekommt: “Das kannst Du sowieso nicht“, der verliert das Selbstvertrauen und damit auch den Antrieb, Neues zu lernen. So gibt es viele Kinder, die sich im Laufe ihrer „Schulkarriere“ durch solche Erfahrungen nach und nach immer mehr aufgeben.
Loben Sie ihr Kind. Bestärken sie öfter mal mit einem „Das schaffst Du schon“ oder „Ich trau Dir das zu“.

Entschließen Sie sich, therapeutische Hilfe zu suchen, brauchen Sie noch keine Ziele oder Lösungsvorschläge zu haben. Gemeinsam mit dem Fachmann bzw. der Fachfrau können Sie sich Gedanken über Form, Art, Ziel und Länge der Therapie machen. Vertrauen Sie auf die Fachkenntnis und Professionalität. Manchmal sind Herangehensweise, Länge und Ergebnis einer Therapie anders, als erwartet.

Sich an einen Therapeuten zu wenden und damit ein Problem zu „veröffentlichen“ erfordert Mut. Sie müssen diese Hilfesuche nicht unbedingt publik machen. Manchmal rät der Psychologe aber auch, sich mehr zu öffnen und bei einem Problem auch andere Menschen mit einzubeziehen und Hilfe von Außenstehenden zu erbitten bzw. anzunehmen. Auch hier liegt die Entscheidung darüber letztendlich bei Ihnen.

Eine Therapie bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben. Therapeuten geben keine Lösungen vor, sondern helfen Kindern und Eltern, gemeinsam Problemlösungen zu finden.

Das Ziel einer Therapie ist nicht, die Klienten abhängig von der Hilfe und dem Urteil des Therapeuten zu machen. Vielmehr sollen Kinder und Eltern sich durch eine Therapie besser selber helfen können.

Therapeuten haben Schweigepflicht!

Ein Therapeut wird Sie oder Ihr Kind nie zu etwas zwingen. Alles ist freiwillig und zum Wohle aller Beteiligten. Es kann sein, dass Sie sich mit dem Therapeuten, nach eingehender Beratung und Gesprächen, auf einen Therapievertrag einigen, der zum Beispiel die Dauer, die Kosten und die Zielsetzung beinhaltet.

In die Therapie von Kindern werden auch die Eltern und oft auch andere nahe stehende Personen, zum Beispiel Geschwister, mit einbezogen.

Es gibt unterschiedliche therapeutische Methoden. Dazu gehören Gespräche, Ratschläge, die Arbeit mit den Eltern und anderen Bezugspersonen, Spielen und auch Körpererleben, sinnliches Erleben und Gestalten. Kinderpsychologen gehen auf Alter und Entwicklungsstand ihres kleinen Patienten ein.



















In die Therapie von Kindern werden auch die Eltern und oft auch andere nahe stehende Personen, zum Beispiel Geschwister, mit einbezogen.


BUCHTIPPS:

Titel

Kinderängste.
Erkennen - Verstehen - Helfen

© Beck 2007
Autor
Reinmar du Bois
Zielgruppe Betroffene Eltern und Erzieher
Verlag C.H. Beck; 4. Auflage
Kategorie Ratgeber
Bestellnummer 978-3406547515
Preis ca. 12,90 €


Titel
Die Psychotherapie mit Kindern

© Kreuz-Verlag 2005
Autor
Eva-Maria Topel
Zielgruppe Interessierte Eltern und Erzieher
Verlag Kreuz-Verlag
Kategorie Ratgeber
Bestellnummer 3-7831-2510-3
Preis ca. 9,95 €


Titel

Psychotherapieführer Kinder und Jugendliche. Seelische Störungen und ihre Behandlung

© Beck 2006
Autorin
Rita Rosner (Hrsg.)
Zielgruppe Betroffene Eltern
Verlag C.H. Beck; 2006
Kategorie Ratgeber
Bestellnummer 978-3-406-54106-3
Preis ca. 18,90 €


LINKTIPPS:

- www.dgkjp.de
Seite der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V.

- www.bkjpp.de
Gemeinsame Seite des Berufsverbandes für Kinder- und Jugend-psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland e. V. (BKJPP) und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Klinikärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie
e. V. (BAG)

- www.psychotherapiesuche.de
Alle relevanten Infos dazu, wie man bei der Suche nach einem Psychotherapieplatz vorgeht, nebst Therapeutensuche


Autorin: Nikola Materne