Die Kunst des aktiven Zuhörens 


 „Worüber haben wir uns jetzt eigentlich gestritten?“ Diese Frage hat sich wahrscheinlich jeder, der in einer Beziehung lebt, zu irgendeinem Zeitpunkt gestellt. Ein anderer Klassiker ist das große Aha-Erlebnis, wenn der Zoff schon in vollem Gange ist: Plötzlich stellen beide Kontrahenten fest, dass sie eigentlich nur aneinander vorbeigeredet haben. Gut, wenn ein Streit sich mangels Grundlage in Luft auflöst – aber dem vorangegangen sind oft Vorwürfe, Verletzungen und Energieverluste, die im nachhinein betrachtet völlig unnötig waren.

 Derartige Konflikte werden gern mit den vermeintlich so verschiedenen Denkweisen von Männern und Frauen erklärt. Echte Hardliner gehen sogar soweit zu behaupten, dass eine wirkliche Kommunikation zwischen den Geschlechtern kaum möglich sei – eine populärwissenschaftliche Stammtischparole, die es sich sehr einfach macht und durch keine ernstzunehmenden Erkenntnisse gestützt wird. Eine der häufigsten Ursachen für derlei Kommunikationsprobleme liegt vielmehr in der selektiven Wahrnehmung. Vereinfacht ausgedrückt: Wir hören nur, was wir hören wollen und interpretieren die Äußerungen unseres Gesprächspartners so, dass sie in unser Weltbild passen und unsere Ansichten über ihn bestätigen. Das kann im Extremfall soweit führen, dass wir nicht mehr mit dem wirklichen Individuum, sondern nur noch mit einer aus Vorurteilen, Mutmaßungen und Unterstellungen zusammeninterpretierten Scheinperson kommunizieren: Zwei Zerrbilder, die sich bekämpfen, während die realen Menschen hilflos zusehen. Natürlich tritt dieses Phänomen in unterschiedlich starker Ausprägung auf, aber in jedem Falle gilt: Die selektive Wahrnehmung wird dem Gegenüber nicht gerecht, und Missverständnisse sind vorprogrammiert.

 Wie fehlerhafte Kommunikation entstehen kann, hat der Hamburger Psychologe Friedemann Schultz von Thun mit seinem Vier-Ohren-Modell sehr anschaulich dargelegt. Er hat festgestellt, dass jede gesprochene Botschaft auf vier verschiedenen Ebenen gesendet und verstanden werden kann:

  Auf der Inhaltsebene wird die reine Information vermittelt.
  Auf der Beziehungsebene steht das persönliche Verhältnis zwischen den Kommunizierenden im Vordergrund.
  Auf der Ebene der Selbstoffenbarung gibt der Sprechende Informationen über sich selber preis.
  Der Appell beinhaltet eine Aufforderung an den Zuhörer.

Hierzu ein Beispiel. Der Beifahrer im Auto sagt: „Die Ampel ist rot!“ Das kann bedeuten:


  Die Ampel zeigt rotes Licht. (Inhaltsebene)
  Dein Fahrstil macht mich unsicher/Ich fühle mich unbehaglich, wenn Du fährst. (Beziehungsebene)
  Ich bin ein aufmerksamer Beifahrer. (Selbstoffenbarung)
  Pass´ auf! Fahr´ nicht so schnell! (Appell)

Probleme in der Kommunikation treten dann auf, wenn der Hörer das Gesagte in einem anderen Kontext wahrnimmt, als es vom Sprecher gemeint ist, also die dahinterliegende Botschaft falsch interpretiert. Nehmen wir zur Verdeutlichung noch einmal das Ampelbeispiel zu Hilfe:
 Herr Mustermann fährt, Frau Mustermann sitzt neben ihm. Sie hat vor kurzem ihre Führerscheinprüfung bestanden und ist stolz darauf. Mit dem Satz „Die Ampel ist rot!“ möchte sie eigentlich nur deutlich machen, dass sie jetzt, im Gegensatz zu
früher, aktiv am Verkehrsgeschehen Anteil nimmt. Er dagegen versteht die Botschaft als Kritik an seinem Fahrstil, reagiert mit Zurückweisung, was sie wiederum als machohafte Überheblichkeit und Geringschätzung ihrer Kompetenz interpretiert – und schon brennt die Luft im Hause Mustermann.
 
Eine einfache und elegante Methode, solche Missverständnisse gar nicht erst entstehen zu lassen, ist die Technik
offen sein im Gespräch
 
Verschiedene Sichtweisen sind bei einer offenen,
konstruktiven Kommunikation eine Bereicherung.
 
des Aktiven Zuhörens. Konsequent geübt und angewendet, kann sie dazu beitragen, Scheinkonflikte als solche zu erkennen und echte Probleme als das zu sehen, was sie sind: Herausforderungen, die nur von beiden Partnern gemeinsam gelöst werden können. Dabei sind verschiedene Sicht- und Herangehensweisen bei einer offenen, konstruktiven Kommunikationsstruktur kein Grund zum Streit, sondern eine Bereicherung. Sie ergänzen sich gegenseitig und führen oft zu völlig neuen, kreativen Lösungswegen.

Die goldenen Regeln des aktiven Zuhörens

  Schenken Sie dem Partner bei jedem Gespräch Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit und bleiben Sie mit den Gedanken beim Thema.
  Interpretieren Sie die Äußerungen des Partners nicht. Achten Sie zuerst auf das, was er sagt, und nicht darauf, was das Gesagte Ihrer Meinung nach bedeutet.
  Zeigen Sie ihrem Partner durch Gesten oder anderes Feedback, dass Sie sich für das Gespräch interessieren.
  Unterbrechen Sie den Anderen nicht. Wenn Sie etwas wirklich Relevantes zum Thema beizutragen haben, werden Sie es auch noch wissen, nachdem er ausgeredet hat.
  Fassen Sie die Aussage des Partners am Ende kurz zusammen um sicherzugehen, dass Sie den Inhalt richtig verstanden haben. So geben Sie dem Anderen außerdem das gute Gefühl, dass er sich deutlich ausgedrückt hat.
  Wenn Sie das Gefühl haben, etwas nicht verstanden zu haben, fragen Sie nach – lieber einmal zuviel, als einmal zuwenig.

Literaturtipps:

- Schultz von Thun, Friedemann (1994): Miteinander reden,
  Band 1 und 2
  Rowohlt Verlag
- Engl, J., Thurmaier, F. (1992): Wie redest Du mit mir? Fehler und   Möglichkeiten in der Paarkommunikation
  Freiburg: Herder