| IGLU-Studie / Grundschüler im Test |
Die jüngst veröffentlichten Ergebnisse der neuesten Bildungsstudie IGLU (Internationale Grundschul-Lese- Untersuchung)
lassen das deutsche Schulsystem in einem weitaus besseren Licht erscheinen,
als es die Resultate der PISA-Untersuchungen erwarten liessen. Rang 11 unter
35 teilnehmenden Nationen, immerhin oberes Mittelmaß. Eine bildungspolitische
Katastrophe scheint uns also nicht bevorzustehen – allerdings auch
kein Anlass zu Euphorie. Wie kann es sein, dass deutsche Grundschüler
ein deutlich besseres Ergebnis erzielen als die bei Pisa befragten 15-jahrigen?Wie es scheint, haben die Grundschüler das Ansehen Deutschlands als Kulturnation fürs erste gerettet. 10.000 Viertklässler aus 246 deutschen Schulen sind zum Test angetreten und haben sich wacker geschlagen: Mit 539 erreichten Punkten liegen sie in der Leseleistung – der Bereich, in dem ihre fünfzehnjährigen Schulkollegen bei PISA so eklatante Schwächen
Im Klartext: Das Bildungselend beginnt nach der vierten Klasse. Tatsächlich bestehen zwischen Grundschülern und den in der PISA-Studie getesteten Fünfzehnjährigen deutliche Unterschiede im Bildungs- und Verständnisniveau. Um den Gründen für diesen Leistungsabfall auf die Spur zu kommen, lohnt sich zunächst ein Blick auf die Unterrichtsmethoden in der Grundschule. Obwohl die Lehrer dort älter sind und größere Klassen unterrichten müssen, schneiden sie im Urteil von Eltern und Schülern besser ab als ihre Kollegen in weiterführenden Schulen. In der Grundschulpädagogik hat sich – von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet – offenbar Einiges getan. Methoden wie freier Unterricht in Gruppen und das individuelle Eingehen auf die Leseschwächen einzelner Schüler erinnern in einigen Bereichen sogar an das äußerst erfolgreiche finnische Schulmodell. Insgesamt ist der Unterricht spielerischer und reine Leistungskriterien stehen vorerst im Hintergrund. Das ändert sich mit Beginn der fünften Klasse. Hier taucht zunächst ein Problem auf, daß weitreichende Auswirkungen auf die gesamte schulische Laufbahn haben kann: Die falsche Schulwahl. Laut Professor Wilfried Bos – zuständig für die Durchführung der IGLU-Studie in Deutschland – orientiert sich manche Empfehlung für Haupt-, Realschule oder Gymnasium nicht an den tatsächlichen Leistungen der betreffenden Kinder. Hinzu kommt, daß Eltern und Schüler sich in einigen Bundesländern frei für eine weiterführende Schule entscheiden können. Zensuren oder Empfehlungen der Pädagogen spielen hier keine Rolle. Die Folge: Viele Kinder sind in ihrer Schule schlicht fehl am Platz und entweder über- oder unterfordert – beides Gründe für Streß, Unzufriedenheit und schlechte Leistungen. Ein weiteres Problem liegt im Migrationshintergrund vieler Schüler: Rund 20 Prozent der Kinder an deutschen Schulen stammen aus Ausländerfamilien. Viele von ihnen haben nur unzureichende Sprachkenntnisse und dementsprechende Schwierigkeiten, dem Unterricht angemessen zu folgen. Können solche Defizite in der Grundschule durch die freiere Gestaltung des Unterrichts und persönliche Förderung noch teilweise ausgeglichen werden, lassen sie sich auf der weiterführenden Schule nicht mehr ohne weiteres kompensieren. Die Folge: Sprachliche Probleme, die bereits in der Grundschule bestanden haben, werden in der überwiegend leistungsorientierten Sekundarstufe I noch verschärft. Wo liegt der Ausweg aus der Bildungsmisere? Ministerin Bulmahn fordert dazu auf, über grundlegende Reformen unseres Schulsystems nachzudenken. Unter anderem könne es sinnvoll sein, Schüler länger gemeinsam zu unterrichten, anstatt bereits nach der vierten Klasse über
„Sie müssen Methoden entwickeln, mit denen sie den Sohn des Chefarztes ebenso wie die Tochter der türkischen Putzfrau erreichen. Dann können wir auch das gegliederte System beibehalten.“ Tatsache ist: Das gegliederte Schulsystem ist im Moment das Einzige, das wir haben – und es kommt jetzt darauf an, das Beste daraus zu machen. Die IGLU-Studie gibt Anlaß zur Hoffnung, aber sie ist keine Rechtfertigung dafür, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Deutschlands Grundschulen geben den Kindern ein akzeptables Bildungsniveau mit auf den Weg. Aufgabe der Politik muß es sein, dieses Potential zu nutzen und sinnvoll weiterzuentwickeln. Es wäre unrealistisch, so kurz nach Erscheinen der Studie bereits konkrete Handlungsvorschläge zu erwarten. Die Kutusministerkonferenz hat allerdings in einer ersten offiziellen Pressemitteilung Stellung bezogen. Die KMK sieht unter anderem die Notwendigkeit von Maßnahmen zur Verbesserung der Sprachkompetenz und zur Integration von Kindern mit Migrationshintergrund. Außerdem wird angeregt, erfolgreiche Lehrkonzepte der Grundschulen auch für den Bereich der Sekundarstufe I zu nutzen. Den vollständigen Text der Pressemitteilung finden Sie hier: Download Pressemitteilung der Kultusministerkonferenz |
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