| "starke-eltern.de"
im Gespräch mit der Dipl.-Psychologin Dagmar Kumbier über
die Kommunikation zwischen Frauen und Männern": |
| S-E.de.:
"Auf welcher Kommunikationsebene
– basierend auf dem Vier-Ohren-Modell – werden erfahrungsgemäß
die meisten Botschaften übermittelt?" |
| D. Kumbier: "Das
kann man so allgemein gar nicht sagen. Denn mit dem Vier-Ohren-Modell*
ist ja die Vorstellung verbunden, dass in jeder Nachricht alle vier
Botschaften enthalten sind – insofern kann ich immer auf allen
vier Ebenen gucken, was mir der Gesprächspartner sagen will.
Allerdings sind in bestimmten Situationen bestimmte Botschaften von
besonderer Bedeutung. Wenn Partner sich streiten oder die Beziehung
angespannt ist, dann tritt oft die Beziehungsebene immer mehr in den
Vordergrund. Das heißt: beide fühlen sich einerseits durch
das, was der andere sagt und tut, sehr schnell angegriffen (auch wenn
der Partner es vielleicht ganz anders meint) - und beide machen sich
andererseits auch tatsächlich viele Vorwürfe. " |
| S-E.de.:
"Gibt es männer-
und frauenspezifische Kommunikation?" |
D. Kumbier: "Ja.
Männer und Frauen kommunizieren ziemlich unterschiedlich. Frauen
ist das Gespräch und der Austausch über Gefühle (also
die Selbstkundgabeebene) sehr viel wichtiger als Männern. Wenn
Frauen jemanden mögen, wenn ihnen jemand wichtig ist, dann wollen
sie auch über die Beziehung sprechen, dann möchten sie demjenigen
auch etwas von sich erzählen. Das ist bei Männern sehr viel
weniger so. Sie reden eher über Dinge – und weniger über
Beziehung. Und wenn ihnen jemand am Herzen liegt, dann zeigen sie
dies eher dadurch, dass sie etwas für oder mit ihm tun.
Das ist in der Partnerschaft natürlich nicht immer
einfach. Frauen haben häufig den Eindruck, mit ihrem Bedürfnis
nach Austausch zu kurz zu kommen – und Männer fühlen
sich von dem Redebedürfnis ihrer Frauen häufig unter Druck
gesetzt. |
| S-E.de.:
"Gibt es einfache Regeln für Kommunikation in der
Partnerschaft, an denen man sich immer orientieren kann?" |
D. Kumbier: "Wichtig
scheint mir das Bewusstsein zu sein, dass es immer (mindestens) zwei
Wahrheiten gibt. Das klingt banal – und ist manchmal sehr schwer
auszuhalten. Manchmal scheint der Partner eine völlig andere
Geschichte erlebt zu haben als ich selber – und es ist schwer
nachvollziehbar, wie er darauf kommt! Manchmal fühle ich mich
so unfair und falsch gesehen, dass es schwer ist, mir das anzuhören.
Zugleich liegt in diesem Wissen, dass es immer zwei Wahrheiten gibt,
eine große Chance: denn dann kann man aufhören, um die
„richtige“ Wahrheit und darum, und wer „recht“
hat, zu kämpfen und kann beginnen, miteinander zu reden, sich
über diese verschiedenen Wahrheiten auszutauschen und damit beginnen,
sich (wieder) zu verstehen.
Die zweite Regel, welche das Zuhören erleichtert,
heißt: verstehen ist nicht gleich zustimmen. Auch wenn ich zuhöre
und verstehe, wie mein Partner etwas erlebt – dass er sich zum
Beispiel unter Druck gesetzt fühlt und den Eindruck hat, es mir
ohnehin nie recht machen zu können – dann heißt das
noch lange nicht, dass ich das auch so sehe! Zwei Wahrheiten heißt
ja auch, dass ich dem Partner meine eigene Wahrheit zumute –
und die kann sehr anders aussehen! " |
| S-E.de.: "Wenn
man in der Partnerschaft das Gefühl hat, dass sich die gemeinsame
Gesprächskultur über die Jahre verschlechtert hat –
wie kann man dagegen vorgehen?" |
D. Kumbier: "Ein
Schritt könnte sein, den Partner zu fragen, wie er das erlebt
und davon zu erzählen, wie ich selbst das erlebe. Eine andere
Möglichkeit wäre, selbst etwas für eine Verbesserung
der Gesprächskultur zu tun. Je nachdem, was schief läuft,
können unterschiedliche Dinge sinnvoll sein. Vielleicht geht
es darum, dem Partner wieder mehr zuzuhören (und nicht darauf
zu warten, dass er damit anfängt!). Auch wenn es gelingt, weniger
Vorwürfe zu machen und dafür mehr zu erzählen, was
das Verhalten des Partners für mich bedeutet, kann das die Gesprächsatmosphäre
entspannen. Oder meine Wünsche klar zu sagen statt zu erwarten,
dass mein Partner sie mir von den Augen abliest.
Bei manchen Paaren wäre es gut, wenn endlich
einmal Klartext gesprochen würde; dort hat sich ein großer
Vorrat an Ärger, Enttäuschung und nie ausgesprochenen Wünschen
angesammelt – und all dies Unausgesprochene legt sich wie Mehltau
über die Liebe und die Lebendigkeit. Hier wäre es gut, wenn
mal Klartext gesprochen würde und vielleicht auch mal die Fetzen
fliegen! In anderen Partnerschaften wiederum fliegen die Fetzen schon
viel zu sehr. Hier wäre ein Schritt, auch das, was womöglich
gut ist, wieder mehr zu sehen und auch zu würdigen.
Und manchmal ist es gut, sich einzugestehen, dass
man sich festgefahren hat und alleine nicht mehr weiter kommt. In
einer solchen Situation sollte man sich nicht scheuen, Paarberatung
in Anspruch zu nehmen. Wenn ein Auto nicht mehr läuft, bringen
wir es zum Fachmann und erwarten nicht von uns, dass wir alles selber
können – warum nicht auch hier? Eine Beziehung, an der
beiden noch etwas liegt, ist diesen Einsatz wert. " |
| S-E.de: "Welches
Kommunikationsverhalten zwischen Lebenspartnern ist in Streit- oder
Stressituationen angemessen?" |
D. Kumbier: "Wir
gehen davon aus, dass es verschiedene Streitphasen gibt, in denen
unterschiedliche Dinge angemessen sind – nämlich einerseits
die Phase des „Getümmels“ und andererseits eine Phase
der „Klärung“. In einem Streit sind oft heftige Gefühle
im Spiel: Ärger, Kränkung, Enttäuschung usw. Und diese
Gefühle wollen erst einmal raus! Niemand ist im Streit mit dem
Partner so nett und kooperativ wie in anderen Situationen –
und wenn wir versuchen, genau dies zu sein, dann wird es oft eher
künstlich und die brisanten Themen werden unter den Teppich gekehrt.
Wenn wir uns zu früh vertragen, dann oft um den Preis, dass der
Konflikt nicht wirklich auf den Tisch gekommen ist. Wir sollten nicht
erwarten, dass Streit nur sachlich-freundliche Klärung bedeutet!
Aber bei wichtigen Themen ist es häufig gut,
hinterher, wenn sich die Gemüter beruhigt haben, noch einmal
darüber zu reden. Was war es eigentlich, was mich so auf die
Palme gebracht hat – und warum verletzt, ärgert, enttäuscht
mich das so? Wie ist das, was Du gesagt oder getan hast, bei mir angekommen
– und hast Du das tatsächlich so gemeint? Hier geht es
darum, sich über die unterschiedlichen Wahrheiten zu unterhalten
– dass ist in der heißen Phase des Getümmels oftmals
nicht möglich, weil jeder viel zu sehr in seiner eigenen Wahrheit
drinsteckt. Aber in der Klärungsphase ist es ein entscheidender
Schritt, wenn es gelingt, sich diese unterschiedlichen Wahrheiten
gegenseitig zu erzählen und zuzuhören. Mit der Haltung „ich
versuche dich verstehen – und das heißt noch lange nicht,
dass ich auch mit allem einverstanden bin, was du erzählst!“
- und mit dem Wissen, dass auch ich meine Wahrheit gleich erzählen
kann und dabei auf ein offenes Ohr hoffen kann. " |
| S-E.de.: "Was
zeichnet einen konstruktiven Streit aus?" |
D. Kumbier: "Dass
man einander trotz Ärger dennoch immer wieder auch zuhören
kann. Dass man nach Möglichkeit keine alten Rechnungen aufmacht
(„schon als wir uns vor 10 Jahren verlobt haben, hast du...“).
Und ganz wichtig: dass man auf Schläge unter die Gürtellinie
und auf Abwertungen des Partners verzichtet. Wir haben in aller Regel
ein sehr klares Gefühl dafür, wo diese Gürtellinie
verläuft. Eine Faustregel könnte sein: nichts sagen oder
tun, wofür ich mich morgen schäme oder was ich morgen mit
Sicherheit bereuen werde. Und man sollte nicht zu schnell nach Lösungen
für Streitfragen suchen, sondern sich erst einmal Zeit dafür
nehmen, sich selbst, den anderen und auch die Unterschiedlichkeit
der Sichtweisen und der Wünsche zu verstehen. Vorschnelle Lösungen
tragen häufig nicht.
Das klingt sehr plausibel – und eigentlich
wissen wir das meiste davon auch! Zugleich ist das nicht immer leicht.
Manchmal sind die alten Verletzungen so groß, dass es Partnern
sehr schwer fällt, diese herauszuhalten und dass die Versuchung
groß ist, den anderen gezielt zu verletzen („damit er
mal merkt, wie das ist, so behandelt zu werden!“). In einer
solchen Situation ist dann ein konstruktiver Streit kaum noch möglich,
weil es gar nicht mehr um den konkreten Anlass geht, sondern um einen
Riesensack alter Gefühle. Dann führt der Weg zum konstruktiven
Streit oftmals darüber, sich diesen Sack (womöglich mit
professioneller Hilfe) einmal anzuschauen." |
| S-E.de.: "Was
kann man tun oder kann man überhaupt noch etwas tun, wenn man
das Gefühl hat, der Partner hört einem nicht mehr richtig
zu?" |
D. Kumbier: "Zunächst
einmal kann man das dem Gesprächspartner sagen – und ihn
fragen, wie er das sieht. Denn dahinter können sehr unterschiedliche
Dinge stehen. Männer hören häufig anders zu als Frauen
sich das wünschen. Frauen möchten vor allem mit ihren Gefühlen
verstanden werden – im Bild des Vier-Ohren-Modells gesprochen:
sie möchten, dass ihr Mann gewissermaßen mit dem Selbstoffenbarungsohr
zuhört, sich ganz auf sie einstellt. Männer dagegen hören
eher mit dem Sachohr und dem Appellohr zu – sie möchten
das Problem erfassen und sie möchten herausfinden, wie sie ihrer
Frau im Sinne einer effektiven Lösung am besten weiterhelfen
können. Das heißt: häufig hören die Männer
sehr wohl zu – allerdings nicht so, wie ihre Frau das gerne
möchte. Darum sind Männer häufig (und aus ihrer Sicht
völlig zu Recht!) sehr gekränkt über den Vorwurf, sie
würden nicht zuhören."
Wenn sich Paare sehr in Streits verfangen haben,
dann wird es häufig für beide Seiten schwer, dem anderen
noch zuzuhören – weil beide sich leicht angegriffen fühlen,
latent das Gefühl, dass sich der andere ja auch nicht mehr für
einen interessiert. Es wird dann schwerer, sich aufeinander einzulassen.
Und schließlich gibt es natürlich auch die Möglichkeit,
dass der Partner tatsächlich das Interesse verloren hat; dass
er sich gewissermaßen innerlich abgewendet hat. Es lohnt sich
also, herauszufinden, wo eigentlich das Problem ist – denn längst
nicht immer geht es tatsächlich um mangelndes Interesse und darum,
dass die Partnerschaft im Grunde am Ende ist. |
| S-E.de.: "Es
gibt zuweilen in Partnerschaften echte „Gesprächsmuffel“
(„...muss ich dir denn alles aus der Nase ziehen?“). Hat
der Partner eine Chance, diese Front aufzuweichen?" |
D. Kumbier: "Aus
einem „Gesprächsmuffel“ wird man keinen extrovertierten
Vielredner machen können. Unsere Bedürfnisse nach Austausch
und Gespräch sind sehr unterschiedlich – auch und gerade
die Gesprächsbedürfnisse von Frauen und Männern. Meist
sind ja die Männer die „Gesprächsmuffel“. Und
eine der Herausforderungen in einer Partnerschaft (und sicher nicht
die leichteste!) ist es, mit diesen Unterschieden klar zu kommen.
Gar nicht so selten verstärken Frauen diese
Gesprächsmuffeligkeit ungewollt. Wenn ich als Frau bohre („nun
sag doch was!“) oder ihm Vorwürfe mache („Du interessierst
Dich ja wohl überhaupt nicht mehr für mich, du kaltherziger
Gesprächsmuffel!“), dann führt dies eher dazu, dass
er sich unter Druck gesetzt fühlt, gekränkt ist –
und noch weniger Lust hat, etwas zu erzählen und sich noch mehr
zurückzieht. Dann wird aus einer gewissen Verschlossenheit eine
„Front“ – die sich, wie die meisten Fronten, umso
mehr verhärtet, je heftiger sie umkämpft wird.
Am ehesten lässt sich meiner Erfahrung nach
diese „Front“ aufweichen, wenn sie ihm einerseits in dem,
was er erzählt wirklich zuhört – und es nicht immer
nur unter dem Aspekt „zu wenig“ sieht. Und wenn sie akzeptiert,
dass aus ihrem Mann vermutlich keine charmante Plaudertasche wird.
Andererseits kann und sollte sie ihn durchaus damit konfrontieren,
was ihr fehlt. Dieses Gespräch hat eine höhere Chance zu
gelingen, wenn sie von ihren eigenen Gefühlen spricht und ihm
nicht in erster Linie Vorwürfe macht; wenn es also um die unterschiedlichen
Bedürfnisse geht und nicht darum, wie man sich richtig verhält
und was falsch ist. Dabei gilt als Faustregel: lieber ein richtiges
Gespräch darüber und dann lange Zeit nichts als viele kleine
Mini-Gespräche und Sticheleien." |
| S-E.de.: "Ist
der Versuch sinnvoll, das eigene Kommunikationsverhalten in Kursen
zu verbessern?" |
| D. Kumbier: "Durchaus.
Kurse können sehr sinnvoll sein, um Kommunikationsmuster besser
verstehen zu lernen, um das eigene Kommunikationsverhalten und dessen
Wirkung auf andere besser einschätzen zu können und auch
dafür, neue Verhaltens-Möglichkeiten in den Blick zu bekommen
und in geschütztem Rahmen auszuprobieren." |
| S-E.de.: "Haben
die Medien Ihrer Ansicht nach einen eher positiven oder eher negativen
Einfluß auf die Kommunikation?" |
| D. Kumbier: "Ich
glaube, eher negative – vor allem das Fernsehen. Das beginnt
damit, das durch das häufige Ritual des abendlichen Fernsehens
schlicht weniger Zeit für Gespräche da ist. Untersuchungen
haben gezeigt, dass mit dem Aufkommen des Fernsehen die Zeit, die
sich Partner für Gespräche nehmen, dramatisch gesunken ist.
Und auch das Bild von Gesprächen, das zum Beispiel in Talkshows
gezeichnet wird, entspricht ja nicht der Realität guter Gespräche
im Alltag. Diese sind viel leiser, brauchen viel mehr Zeit, sind unspektakulärer.
Ich habe die Befürchtung, dass das Ohr für die leiseren
Töne durch das Fernsehen etwas verloren geht." |
| S-E.de.: "Glauben
Sie, dass die Kommunikationsforschung ihre wichtigen Ergebnisse angemessen
kommuniziert? |
| D. Kumbier: "Ja,
das glaube ich schon. Es ist uns wichtig, die Ergebnisse unserer
Arbeit nicht nur in Fachzeitschriften und auf Fachchinesisch zu
verbreiten, sondern ganz wesentlich auch in allgemeinverständlicher
Sprache und leicht zugänglichen Büchern – oder z.B.
in Interviews wie diesem." |
*Nähere Infos zum Vier-Ohren-Modell finden Sie unter Teil 1 dieser
Reihe unter dem Titel: "Die
Kunst des aktiven Zuhörens"
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Dagmar Kumbier,
Dipl.-Psychologin am
Psychologischen Institut II
der Universität Hamburg
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