Die verwöhnten Kinder 

Auch im Familienleben macht sich Bequemlichkeit breit: Bereits Vorschulkinder schauen täglich mehr als zwei Stunden TV. Ausflüge in die Natur sind rar, die Mithilfe im Haushalt wird nur noch von wenigen Kindern abverlangt.
Überbehütung und Verwöhnung: Ziehen wir in der Glasmenagerie des modernen Lebens gesellschaftsunfähige Egoisten heran?
Warum werden Kinder immer unsportlicher und bequemer?
Verwöhnung- gut gemeint, doch schlecht beraten?

Wenn wir verwöhnen, handeln wir in dem Glauben, uns und anderen etwas Gutes zu schenken. Verwöhnung kann eine Ausnahme im Alltag sein, z.B. ein besonders aufwendiges Essen, ein schöner Ausflug, eine kostspielige Anschaffung – Verwöhnung kehrt aber ins Negative, wenn sie übertrieben wird. Im Hinblick auf Kindererziehung bedeutet übertriebene Verwöhnung, dass Kindern in ungesundem Maße eigenverantwortliches und selbständiges Handeln abgenommen wird und nur wenig Anstrengung zur Erreichung eigener Ziele notwendig ist. Die besorgte Mutter, die ihrem Kind alle Erschwernisse aus dem Weg räumt und dabei glaubt, Gutes zu bewirken, erreicht auf Dauer das Gegenteil: Kinder, die nicht die Möglichkeit haben, durch Herausforderungen eigene Kompetenzen und Erfahrungen zu sammeln, werden entmutigt. Überbehütung macht Kinder handlungsunfähig und fördert die Probleme in Schule und Freundeskreis.

Es ist die Gewöhnung an ein “Zuviel des Guten”, dass Kinder Anstrengungen vermeiden lässt. Wieso den unbequemen Weg wählen und durchhalten, wenn es sonst so einfach ist.
So wird der Kritik des Lehrers mit Aggression begegnet, der Streit mit den Freunden erscheint unüberwindbar – verwöhnte Kinder stehen in der Beliebtheitsskala nicht selten ganz unten.

Verursacher von übertriebener Verwöhnung sind dabei oft genau die Eltern, die sich erst nach jahrelanger Überlegung für ein Kind entschieden haben. Dieses Kind, meist ohne folgende Geschwister, steht im Fokus der Aufmerksamkeit. Es soll dem Kind an nichts fehlen, jeder Wunsch wird von den Lippen abgelesen. Doch Verwöhnung ist auch ein Mittel gegen das eigene schlechte Gewissen: Wenn es Eltern durch Berufstätigkeit an Zeit für das Kind mangelt, soll Verwöhnung diesem Mangel Ausgleich schaffen.
So können Kinder auf Knopfdruck im eigenen Zimmer auf Fernseher und Spielkonsole zurückgreifen. Die Mutter kommt nach Hause gehetzt, um den Sohn rechtzeitig von A nach B zu chauffieren, Probleme in der Schule werden im Elterngespräch gelöst – das Leben kann für Kinder so einfach sein. Hinzu kommt die Verinselung heutiger Generationen: Das tägliche Spiel mit den Nachbarskindern auf der Straße ist dem wöchentlichen Termin in einer entfernten Turnhalle oder Sportstätte gewichen. Eltern fürchten den Straßenverkehr und behüten ihre Kinder. Überspitzt formuliert: Solange sie vor dem Fernseher sitzen, weiß man wenigstens, wo sie sind.



K
inder brauchen Bewegung – nur durch das tägliche Toben und Spielen kann sich die Körpermotorik voll entfalten. Bereits bei kleinen Kindern kann man deutlich erkennen, wozu Bewegungsmangel führt: Ein verregneter Tag in der Wohnung macht Kinder unruhig, zappelig und nörgelig.
Normalerweise suchen Kinder sich selbständig Möglichkeiten zum Auspowern. In einer perfekten Umgebung würden Kinder den ganzen Tag von alleine Klettern, Laufen und körperliche Erfahrungen sammeln. Doch dieses Szenario lässt sich in der wirklich Welt nur schwer umsetzen. Die wenigsten Familien können mit einem Abenteuer- und Erlebnisgarten hinterm Haus aufwarten, der ihren Kindern unbegrenzte Bewegungsmöglichkeiten anbietet. Kleine Wohnungen und stark befahrene Straßen grenzen die natürliche Bewegung unserer Kinder ein. Fernsehen und Computerspiele sind Magnetpunkte für Kinder, die jeden Bewegungsdrang binnen Sekunden ausbremsen.
Mangels körperlicher Aktivitäten werden daher immer mehr Kinder verhaltensauffällig, wie eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2004 bestätigt: Im Jahr 1970 war demnach jedes 30ste Kind verhaltensauffällig, im Jahr 2004 ist es jedes fünfte. Dabei sind Stadtkinder stärker betroffen als Landkinder, die mehr Möglichkeiten und Freiraum für Bewegung haben.


Wo ist der richtige Weg für eine Erziehung im Gleichgewicht? Weg vom schönen Leben mit Verwöhnungsgarantie und Rückkehr zur Erziehungslehre von Verzicht und Ordnung?


Die beste Erziehungsstrategie gegen die Verwöhnungsfalle Bequemlichkeit ist der Einsatz von Zeit. Gemeinsame Ausflüge, Wanderungen in die Natur, gemeinsam Spielen und Toben – mit geringem materiellen Aufwand können Eltern so ihre Kinder herausfordern: Raus aus der Bequemlichkeit – rein in Bewegung und Erlebnis.
Motorische Förderung ist wichtig: Vom Kleinkindalter bis in die Adoleszenz. Bewegungsförderung stärkt zudem soziale Verhaltensweisen: In der Kindergartengruppe, beim Mutter-Kind-Turnen, später auf dem Spielplatz, im Vereinssport oder an Jugendtreffpunkten, wie Skaterbahnen, Bolzplätzen oder Rollschuhbahnen – in der sportlichen Interaktion mit anderen lernen Kinder, sich anzupassen und Regeln einzuhalten. Kinder, die im Sport üben, mit Niederlagen umzugehen, Teamgeist entwickeln und Durchhaltevermögen wertschätzen lernen, werden auch in Schule und Freundeskreis gut zurecht kommen.
Auch im täglichen familiären Leben sollte der Bequemlichkeit Einhalt geboten werden: Kinder können bereits mit 4-5 Jahren leichte Tätigkeiten im Haushalt übernehmen und mithelfen. Der Tisch kann gemeinsam gedeckt und abgeräumt werden, das Kinderzimmer wird nicht allein von den Eltern aufgeräumt. Belohnungen für dieses Mithilfe sollten besser nicht materieller Natur sein, denn Kinder müssen lernen, dass solche Tätigkeiten nicht besonders, sondern selbstverständlich sind.
Versuchen Sie, Bequemlichkeitsfallen zu vermeiden: Oft ist es der eigene Zeitdruck, der Eltern dazu verführt, ihren Kindern Tätigkeiten abzunehmen, die diese eigenständig erlernen sollen: Schulranzen packen, Schuhe zu binden, Hausaufgaben lösen – hier gilt für Eltern: Finger weg!
Probleme in der Schule, mit Lehrern oder Klassenkameraden sollten nicht gleich von den Eltern gelöst werden. Wo liegt das akute Problem? Geben Sie Ihrem Kind die Möglichkeit, zunächst allein eine Lösungsmöglichkeit zu finden. An Schulen stehen hierfür Vertrauenslehrer zur Verfügung.
Setzen Sie Grenzen: Wenn Kinder alles bekommen, was sie wünschen, werden sie grenzenlos. Auch die dauerhafte Verwöhnung mit Konsumgütern macht bequem: Wenn Wünsche nichts mehr mit Hoffen und Träumen, Warten und Freuen zu tun haben, verlernen Kinder Rücksicht zu nehmen.

Autorin: Bettina Levecke