Plädoyer für mehr Gelassenheit


Klar, manchmal machen wir uns Sorgen. Vielleicht nimmt mein Kind Drogen, vielleicht packt es die Schule nicht. Schimpfe ich zuviel? Oder zuwenig? Hoffentlich wird meine minderjährige Tochter nicht schwanger. Ist der Computerkonsum meines Sohnes noch normal? Zu jeder Sorge gibt’s die passende Fernsehstory oder einen aktuellen Zeitungsartikel. Verunsichert holen wir uns Tipps im Internet und aus Experten-Runden, Hunderte von Ratgeberbüchern bieten ihre Hilfe an. „Rund 750 Millionen Euro gaben die Deutschen 2004 für Erziehungsbücher und einschlägige Zeitschriften aus. Die Menge der Gespräche am kostenlosen Elterntelefon des Bundesfamilienministeriums verdreifachte sich zwischen 2001 und 2003“ konstatiert die Autorin Silke Pfersdorf in ihrem Buch „Erziehungsfalle Angst“. Eigentlich ist es ja toll, wenn Eltern sich beraten lassen und alles gut machen wollen. Doch durch das Medienüberangebot verrutscht das Bild, der Fokus liegt auf dem Negativen und man bekommt den Eindruck, Pubertät sei eine Krankheit und nicht das, was sie ist: Eine Entwicklungsphase, die jeder Mensch durchlebt. Und wie jede Wandlung, ist auch die Pubertät bei dem komplexen Wesen Mensch eben nicht immer nur schön und gradlinig, sondern bedeutet auch mal Verwirrung, Kummer und Stress. In der Fun-Gesellschaft mit Leistungsanspruch wird das nicht gern gesehen. Da funktioniert was nicht? ...das muss eine Krise sein! „Nie war Erziehung zukunftsorientierter und stärker auf Wirkung nach außen und aufs Fortkommen und Bestehen des Nachwuchses in einer Leistungsgesellschaft gerichtet als heute“, schreibt Pfersdorf. Doch jeder Schmerz, jeder Streit und jedes Scheitern sind auch eine Chance zum Wachsen und Erwachsenwerden. Und darum geht es doch letztendlich in der Pubertät. Und für die Eltern geht es in erster Linie darum, einen balancierten Weg zwischen Loslassen und Behüten zu finden. Doch auch hier ist der Perfektionsdruck enorm. Bloß alles richtig und schmerzfrei machen. Ist das nicht ein bisschen wie eine Geburt ohne Wehen? Ist es wirklich so schlimm, mal einen Fehler zu machen? Viele Eltern verlieren vor lauter Sorgen und Erziehungsstress einen wichtigen Aspekt aus den Augen: Das Vertrauen - in sich selbst, ins Leben und vor allem in ihre Kinder. Karl Gebauer und Gerald Hüther schreiben dazu in ihrem Buch „Kinder brauchen Vertrauen“: “Kinder können Vertrauen zu sich selbst nur dann entwickeln, wenn sie andere Menschen finden, die ihnen Mut machen und ihnen etwas zutrauen. Vertrauen muss Kindern also von Eltern, Erziehern und Lehrern immer wieder geschenkt werden, damit es in ihnen wachsen kann.“

Cool und distanziert:
Jetzt heißt es für Eltern
einen
balancierten Weg
zwischen Loslassen
und Behüten zu finden.





















Ja, tatsächlich, die Teeny-Zeit ist voller Wunder: Dieses tolle Gefühl, das erste Mal verliebt zu sein, der erste Kuss, die Entdeckung der Sexualität. Intensive Freundschaften werden geschlossen und gepflegt, man geht total in Hobbys auf oder verträumt seine Zeit. So vieles ist neu und aufregend, die Gefühle sind in ihrer kompletten Bandbreite intensiv, vom tiefsten Kummer über Langeweile bis hin zum grundlosen Lachanfall und höchsten Glücksgefühlen. Isabell W., Gesangslehrerin an einer Musikschule, erlebt ihre Schüler oft eine ganze Pubertät lang und ist immer wieder begeistert, wie sich in dieser Zeit nach und nach interessante Persönlichkeiten entfalten. „Die Intensität und Begeisterung, mit der sie Musik erleben und selber machen ist faszinierend. Schafft man es, ihnen Mut zu machen, schöpfen viele Jugendliche aus einer großen Kreativität.“ Viele fangen jetzt an, sich politisch zu interessieren und zu engagieren. Die aktuellen Demonstrationen anlässlich des G8-Gipfels haben gezeigt, dass junge Leute sich mitverantwortlich für das Wohl und Wehe der Welt fühlen. Leidenschaft und Protestbereitschaft der Jugend kann jede Gesellschaft gut gebrauchen. Wo Erwachsene sich in einem „Wir-können-ja-doch-nichts-verändern“-Gefühl eingerichtet haben und zu Große-Koaltitons-Kompromissen neigen, kann eine gute Portion jugendlicher Enthusiasmus und Veränderungswillen nicht schaden. Und die Teenager stellen die Werte, Rituale und Zwänge der Erwachsenenwelt immer wieder in Frage, auch im privaten Bereich. Generationskonflikte gehören zur Gesellschaft wie das Salz in die Suppe. Ist es für uns Erwachsene nicht auch spannend und anregend, neue Denkanstösse zu bekommen? Und beruhigend zu sehen, dass man nicht eine Kopie von sich selbst großgezogen hat, sondern einen ganz eigenständigen Menschen? Für viele Erwachsene ist das „Projekt Kind“ eine Selbstverwirklichung. Kinder sind nicht einfach selbstverständlicher Teil des Lebens, sondern häufig Projektionsfläche für die Erwachsenen: „Meine Kinder sollen es besser haben als ich.“ Sie sollen beruflich mehr Chancen haben, mehr Geld haben, gesünder sein, weniger Neurosen haben, sich geborgener fühlen und und und. Mit viele Aktionen signalisieren die Jugendlichen: „Lass den Stress!“. Und tatsächlich wäre für viele Eltern ein bißchen mehr Gelassenheit, etwas mehr „lassen“ und etwas weniger „wollen“ sehr erleichternd.
„Zeit der Wunder“ heißt eine auf DVD erhältliche ZDF-Dokumentation, in der vier Jugendliche zwei Jahre lang von einem Kamerateam begleitet wurden. Das dazugehörige Buch von Susanne Becker dokumentiert die Veränderungen, die sie durchliefen und bietet Interviews mit den Jugendlichen und ihren Eltern, zahlreiche Fotos, Auszüge aus den Tagebüchern der Jugendlichen sowie Ratschläge und Analysen einer Psychologin. Spannend und lesens- bzw. sehenswert ist das, weil es sehr einfühlsam und respektvoll einen Einblick in die Erfahrungswelt der Pubertierenden gibt. Hier kommen sie selbst zu Wort, mit all ihren Wünschen, Gedanken, Ideen und Sorgen. Da blicken nicht sofort Erwachsene durch ihre Pädagogik-Brille, um zu bewerten und einzuordnen. Da sieht man die Pubertät mal wieder als das, was sie ist: Eine Entwicklungsphase, die bei jedem Menscheneinzigartig verläuft. Und die Erwachsenen können an dieser „wundervollen“ Zeit noch einmal teilhaben.



 

 

 

 

 

 

 







Titel
Zeit der Wunder. Wenn Kinder in die Pubertät kommen

© Ariston
Autorin
Susanne Becker
Zielgruppe Betroffene Eltern
Verlag Ariston; Auflage: 1 (September 2006)
Kategorie Ratgeber
ISBN 978-3720528337
Preis 16,95 €

Titel
Erziehungsfalle Angst

© Diana
Autorin
Silke Pfersdorf
Zielgruppe Betroffene Eltern
Verlag Diana
Kategorie Ratgeber
ISBN 978-3453285064
Preis 16,95 €





 

Autorin: Nikola Materne