| Die Pubertät – Baustelle im Gehirn |
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Früher gingen Wissenschaftler davon aus, dass das kindliche Gehirn bereits vor der Pubertät vollständig entwickelt ist. Erst durch neuere Untersuchungs- und Forschungsmethoden wurde nun deutlich: Die Entwicklung des Gehirns hält an bis ins Erwachsenenalter. Die Entdeckung der pubertären Großbaustelle Gehirn resultiert aus sogenannten “Hirnscans”: Mittels eines Magnetresonanztomographen wurden in regelmäßigen Abständen Aufnahmen vom Gehirn gemacht. So haben Forscher des National Institute of Mental Health (NIMH) in Bethesda, Maryland, gemeinsam mit Wissenschaftlern der University of California in Los Angeles (UCLA) in einer Großstudie über 15 Jahre herausgefunden: In der Pubertät verändert sich das Gehirn: Vor allem die graue Substanz, verantwortlich für kognitive Aufgaben, wächst. Die graue Hirnsubstanz erfährt einen großen Wachstumsschub, die Nervenzellen verknüpfen sich neu und bilden neue Bahnen – vergleichbar mit einem Baum: Das junge, wild wuchernde Bäumchen wird zurückgeschnitten und bildet nun kräftige Äste aus, verfächert und bildet sich neu aus. Zunächst findet diese Entwicklung vor allem in den vorderen Hirnregionen, den Stirnlappen, statt. Diese Region des Gehirns ist zuständig für die Fähigkeiten in Planung, Organisation, strategischem Denken und Meinungsbildung. Gleichzeitig werden viele Nervenverbindungen, die überflüssig sind, aufgelöst. Jay Giedd, Psychologe am NIMH, erklärt: Das, was an Zellen und Verbindungen gebraucht wird, bleibt, alles andere wird aufgelöst. |
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| Was passiert nun mit den pubertierenden Jugendlichen während der Wachstum- und Neuordnungsprozesse im Gehirn? In den ersten Jahren des Lebens wächst das Gehirn in rasantem Tempo. Ständig bilden sich neue Zellen und neue Nervenverbindungen. Vielmehr, als überhaupt benötigt werden. Aufgrund dieser "Überproduktion” sind Kinder so enorm lernfähig, können alles aufnehmen, problemlos verschiedene Sprachen und Musikinstrumente lernen. In der Pubertät kommt es dann zu einer rigorosen Aufräumaktion, das Gehirn setzt Schwerpunkte. Nervenverknüpfungen, die häufig benutzt werden, bleiben bestehen, alles andere wird entrümpelt. So ist zu erklären, dass es Erwachsenen schwerer fällt als Kindern, neue Dinge zu erlernen, da ihr Gehirn sich bezüglich der eigenen Fähigkeiten festgelegt hat. Das Problem bei Pubertierenden ist: Die Wachstumsprozesse im Gehirn finden nicht in allen Regionen gleichzeitig statt. Zunächst bilden sich die Bereiche aus, die für Sprache und räumliches Denken zuständig sind. Das Präfrontalhirn, welches u.a. für rationales Denken und vorrausschauendes, überlegtes Planen zuständig sind, bildet sich indessen zuletzt aus, der Wachstumsprozess kann bis ins dritte Lebensjahrzehnt andauern. So können die unterschiedlichen Entwicklungsphasen als Erklärung für pubertäre Widersprüchlichkeiten und Schwierigkeiten gesehen werden: Ein nicht ausgebildeter Stirnlappen erschwert Jugendlichen die Entscheidungsfindung. Wenn es dem Nachwuchs also schwer fällt, einer verbindliche Ansage der Eltern zum Aufräumen des Zimmers nachzukommen, könnte es schlicht daran liegen, dass das Präfrontalhirn gerade gänzlich andere Sichtweisen zur heimischen Problemlösung erörtert. Eine andere Entdeckung machten Hirnforscher der San Diego State University in Kalifornien. Sie ließen fast 300 10- 22jährige Bilder von Menschengesichtern beurteilen. Die befragten Jugendlichen hatten dabei mehrheitlich Probleme, die Mimik einzuschätzen und machten häufig Fehler. Die Fähigkeit, die Gefühlssituationen anderer Menschen und die daraus resultierenden Situationen richtig einordnen zu können, sei eine Eigenschaft, die Jugendlichen aufgrund der neuronalen Prozesse im Gehirn, zeitweilig schwer fällt, so die Wissenschaftler. Dies sei eine Erklärung für die oft launischen und gereizten Stimmungen von Teenagern: “Sie empfinden vieles als unfair, weil sie gegenüber den Gefühlen anderer, unsicher sind.” Doch die Forscher geben auch Entwarnung: Nicht alle Eskapaden des Nachwuchses sollten mit Wachstumsprozessen im Gehirn entschuldigt werden. Letztlich sei die Entwicklung eines Jugendlichen immer auf die Summe seiner praktischen Erfahrungen zurückzuführen. Jay Giedd empfiehlt daher sowohl den Jugendlichen, als auch den Eltern, auf die Wahrung vielfältiger Interessen zu achten: “Das Gehirn setzt seine Schwerpunkte nach Formen und Arten der Reizung. Dies kann durch intellektuelle Beschäftigung gefördert werden, wie Lesen, Rechnen oder Musikalität, kann aber auch begrenzt bleiben, wie bei Fernsehdauerkonsumenten und Sofahockern.” |
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| Da das Gehirn bei Jugendlichen noch nicht ausgereift ist, kann der Konsum von Alkohol und anderen Drogen die Entwicklung nachhaltig beeinflussen. Jay Giedd beklagt: “Gerade zu einer Zeit, in der das Gehirn am verletzlichsten ist, greifen Jugendliche zu Drogen.” Die Auswirkungen auf die Gedächtnisleistung, Konzentrations- und Lernfähigkeit können hier dauerhaft gefährdet werden, so der Psychologe. |