| Wenn Kinder flügge werden und Eltern sich zurückgelassen fühlen |
|
Das leere Nest verwirrt zunächst. Wo stehen wir und wo wollen wir hin? Wie füllen wir unser Leben ohne die Kinder? Diese Fragen werden für Eltern nun bedeutsam und müssen beantwortet werden. Dabei haben neue Studien der Soziologin Christiane Papastefanou ergeben, dass das leere Nest, nach anfänglicher Trauer von 87 Prozent der Eltern als Entlastung empfunden wird. Die Wege, die Eltern nun einschlagen, um das letzte Drittel ihres Lebens zu führen sind unterschiedlich. Innerhalb der Scheidungsstatistiken gilt das Leere Nest für Partnerschaften als das zweite große Krisengebiet nach der Babyphase. Zu diesem Zeitpunkt zeigt sich, ob das Band der Liebe stark genug ist und die Beziehung für beide Partner auch ohne Kinder ausfüllend ist. Wenn es an Kommunikation mangelt und gemeinsame Interessen fehlen, sehen viele Paare in einer Trennung den einzigen Ausweg. Doch eine Trennung muss nicht sein, wenn Paare sich den Anforderungen stellen und für eine gemeinsame Zukunft Pläne schmieden. Die gewonnenen Freiräume und die finanzielle Entlastung geben dem Leben neue Möglichkeiten. Endlich ist die Zeit für spontane Ausflüge, Reisen oder die Verwirklichung lang ersehnter Träume da. Der Familienkombi kann gegen einen schicken Kleinwagen eingetauscht werden, die Kinderzimmer werden zu Hobbyräumen. |
|
||||||||||
| Dabei ist der wichtigste Motor für eine glückliche Paarbeziehung in dieser Phase das Opening Up, ein neues Sich-Öffnen gegenüber dem Partner. Nach Jahren voller Familienalltag, Streitereien und Machtkämpfen, dem beruflichen und finanziellen Stress ist nun die Zeit gekommen, Luft zu holen und eine gemeinsame Kommunikationsplattform wieder zu finden. Vieles an wichtiger Kommunikation ist in den Jahren mit den pubertierenden Kindern auf der Strecke geblieben. Immer hat sich alles um die Probleme der Kinder gedreht, wurde unterstützt, diskutiert und gestritten. Nun gilt es, die Paarbeziehung neu zu entdecken und aufzuarbeiten. Hier steht zunächst die Suche nach Gemeinsamkeiten. Sind wir glücklich mit unserem Leben oder müssen wir Dinge verändern? Manche Paare entscheiden sich, das nun viel zu große Haus zu verkaufen und einen neuen Anfang in einer neuen, kleineren Wohnung zu wagen. Doch nicht nur die Paarbeziehung muss neu definiert werden: Auch individuell müssen beide Partner neue Lebenswege finden und gestalten. Besonders für Frauen stellt sich zu diesem Zeitpunkt die Frage nach der weiteren Zukunftsgestaltung. Die Kinder haben das Leben dominiert. Eigene Interessen wurden um den Zeitplan der Kinder herumgebastelt, Berufstätigkeit oft nur in Teilzeit ausgeübt. Jetzt ist das Pflichtprogramm abgehakt und Mütter werden wieder zu unabhängigen Frauen. Dieser Schritt ist jedoch nicht immer einfach. |
|||||||||||
| ”Mit den Kindern ging auch mein Lebensinhalt” sagt die 56jährige Monika. Die Hausfrau und dreifache Mutter fiel in ein großes Loch als der jüngste Sohn mit 21 Jahren auszog. ”Ich wusste nicht mehr, wohin mit mir und hatte große Schwierigkeiten meinen Alltag zu gestalten.” Der Verlust des Selbstwertgefühls, Selbstzweifel und Depressionen nach dem Auszug der Kinder beschreiben das Empty-Nest-Syndrom. Die jahrelange Identitätsfindung über die Betreuung der Kinder und die Pflichten im Haushalt wird plötzlich über den Haufen geworfen. Der Partner geht arbeiten, das Haus ist leer. Der Schritt in die Berufstätigkeit für Frauen nun oft kaum noch zu realisieren. Doch auch die Väter haben es nicht immer leicht, loszulassen. Jetzt, wo sich die beruflichen Anforderungen entspannt haben und die Rente naht, haben sie Zeit für die Familie und möchten sich mehr um die Kinder kümmern. Doch die haben kaum noch Interesse an den Erziehungsbemühungen des Vaters und gehen ihren eigenen Weg. |
|
||||||||||
| Die emotionalen Höhen und Tiefen nach dem Auszug der Kinder sind geprägt von individuellen Einflussfaktoren. Eltern sollten sich schon frühzeitig bewusst machen, dass der Moment des Leeren Nestes kommen wird. Frauen, die, sobald die Kinder groß genug sind, eine Berufstätigkeit oder individuelle Aktivitäten aufnehmen, werden unter dem Auszug der Kinder weit weniger leiden als Hausfrauen, die ausschließlich für die Familie gelebt haben. Väter können versuchen, noch während der aktiven Berufstätigkeit, mehr Zeit für ihre Kinder zu finden, um im Nachhinein die verpasste Zeit nicht zu bereuen. Auch Freizeitbeschäftigungen ohne Kinder, kreative Hobbys und Unternehmungen mit Freunden und Bekannten bilden Konstanten im Leben, die bleiben. Es ist ein Prozess des Lernens. Oft fällt es Eltern schwer zu glauben, dass die Kinder schon erwachsen sind. Die Zeit zwischen Pampers und dem Auszug ist im Rückblick schnell vergangen und nun kommt alles so plötzlich und scheint unwiederbringlich. Doch der Auszug der Kinder ist keine familiäre Trennung. Die Kinder geben den Eltern in der Regel noch viele Möglichkeiten zur Unterstützung, für Gespräche und gemeinsame Aktivitäten. Wenn Eltern sich bewusst machen, dass sie nicht ihre Kinder verloren, sondern Zeit und Freiraum gewonnen haben, kann die Empty Nest Phase zu einem zweiten Frühling werden und eine erfüllende Qualität in die Partnerschaft bringen. |
|||||||||||
![]()
Autorin: Bettina Levecke |