Jungen in der Pubertät -Teil 1 - "Aus Kindern werden Männer" 


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ie männlichen Anpassungszwänge in der Clique, der Klasse oder im Sportverein sind oftmals besonders rigide und festigen ein starres Bild von Männlichkeit: Wer Schwäche oder Angst zeigt, etwas nicht kann oder keine Erfahrung mit Mädchen hat, läuft Gefahr, ausgelacht oder gar verachtet zu werden. Die Mädchen erwarten immer noch häufig, dass die Jungs beim „Anbaggern“ die Initiative ergreifen und „erobern“. Das Bild vom Mann als Macher wird nach wie vor auch durch die Klischees in Medien und Werbung manifestiert.
  Und sicherlich sind Stärke, Durchsetzungskraft und Aktivität gute und übenswerte Eigenschaften für Jungen - aber eben nur eine Seite der Medaille. „Oft jedoch existiert neben der kämpferischen eine schutzbedürftige, Hilfe suchende Seite, die vernachlässigt wird oder geopfert werden muss, um ein bestimmtes Bild von Männlichkeit aufrechterhalten zu können“, schreibt Joachim Braun in seinem Buch „Jungen in der Pubertät“. Kein Mensch kann eben ständig als „Super-Macker“ durchs Leben gehen. Für Jungen ist es oft besonders schwierig, mit Gefühlen wie Unsicherheit und Schwäche gesund umzugehen, sie fürchten um den Verlust ihrer Männlichkeit. „Auffällig ist in der Tat“, schreibt Prof. Dr. Ulrike Schmauch von der Fachhochschule Frankfurt/Main, “wie stark, wie früh und in wie vielen Variationen Jungen mit dieser Angst kämpfen, sie direkt ausdrücken oder auf vielfältige Weise abwehren.“ Es gibt zahlreiche Arten diese männliche Grundangst zu kompensieren: Aggressives Verhalten, Übergriffigkeit gegenüber Mädchen, „Mobbing“ von Mitschülern, harte Kämpfe mit den Eltern usw. Andere reagieren eher mit Rückzug, depressivem Verhalten oder Flucht in Alkohol- oder Drogenkonsum.
 
"Starke Jungs" und ihr Imponiergehabe




Zu Beginn der Vorpubertät (zwischen dem zehnten und dreizehnten Lebensjahr) sind Jungen häufig noch sehr verspielt, toben gerne lautstark herum und bleiben lieber unter ihresgleichen. Die Produktion des Hormons Testosteron steigt sprunghaft an, Schambehaarung, Samenzellen Hoden und Penis beginnen zu wachsen, der Körper wird größer und muskulöser, Barthaare sprießen und die Stimme wird tiefer. Oft werden die Jungs etwas schlaksig, einige bekommen Akne. Jetzt beginnen viele auch, sich von den Eltern zurückzuziehen und die Zimmer- und Badezimmertür abzuschließen. Die Heranwachsenden orientieren sich verstärkt an Gleichaltrigen und weniger an den Eltern, mit denen sie immer häufiger Konflikte suchen. Sie fangen an zu schwärmen, von der Liebe zu träumen und haben vielleicht schon erste Beziehungen, die allerdings noch nicht so stark sexuell geprägt sind.
Mit dem ersten Samenerguss beginnt die Pubertät (etwa bis zum siebzehnten Lebensjahr). Jetzt hat der Testosteronspiegel seinen Höhepunkt erreicht, die körperlichen Veränderungen werden immer stärker, die Stimme bricht, die Prostataflüssigkeit enthält Spermien, der Junge ist geschlechtsreif. Die Heranwachsenden empfinden stärkeres sexuelles Verlangen, das sie gerne Ausleben möchten. Viele fangen an, sich bei Mädchen auszuprobieren und machen erste sexuelle Erfahrungen, andere trauen sich noch nicht richtig an die Partnersuche. Das Interesse an Themen wie Verhütung, sexuelle Lust, Homo- und Heterosexualität, Sexualpraktiken usw. ist sehr groß. Fast alle Jungen dieses Alters masturbieren. Sie entwickeln langsam ein Bewusstsein als Mann, suchen nach Vorbildern und kümmern sich um ihre Attraktivität. Die Eltern treten immer mehr in den Hintergrund, der Wunsch nach Selbstbestimmung wird immer größer, häufig sind die Jugendlichen dann lieber mit Gleichaltrigen zusammen.

In der Adoleszenz (etwa siebzehntes bis über das zwanzigste Lebensjahr hinaus) sind die körperlichen Veränderungen weitgehend abgeschlossen, hier geht um das vollständige emotionale Erwachsenwerden und die Ablösung vom Elternhaus. Die jungen Männer bereiten sich darauf vor, auszuziehen, einen Beruf zu ergreifen und feste Partnerschaften einzugehen. Die Konflikte mit den Eltern werden meist weniger.
Der Verlauf der Pubertät, also wann und in welcher Ausprägung sich die körperlichen und seelischen Veränderungen vollziehen, ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Von „verfrühter“ Pubertät spricht man, wenn sich in einem Alter unter achteinhalb Jahren Schambehaarung und Peniswachstum zeigen, von „verzögerter Pubertät“, wenn dieses Wachstum sich mit 14 oder 15 Jahren noch nicht eingestellt hat. In beiden Fällen sollte man einen Arzt zu Rate ziehen, betroffene Jungen können unter Umständen durch ihre „unnormale“ Entwicklung psychisch stark belastet sein.


Für Eltern ist es manchmal schwer mit einem pubertierenden Jungen umzugehen: Besserwisser, frecher Lümmel, aggressiver Streithammel, vereinsamter Computerfreak, depressiver Grufti ... die verschiedenen Rollen und Strategien, mit denen sie konfrontiert werden machen dann ratlos oder wütend. Die Angst davor, dass etwas mit dem Jungen schief läuft und er irgendwie „verkorkst“ sein könnte, ist groß. Ganz besonders wichtig ist es, sich zu vergegenwärtigen, dass es für Jugendliche eine große Aufgabe ist, alle körperlichen und seelischen Veränderungen zu verarbeiten und in ihre Persönlichkeit zu integrieren. Der Körper entwickelt sich rapide, Verunsicherung macht sich breit, wie man sich auf dem neuen Gebiet der Sexualität verhalten soll. Fragen wie: „Bin ich „normal“? Bin ich attraktiv? Wie stehe ich in der Gruppe? Was ist der Sinn des Lebens? Welchen Beruf soll ich ergreifen?“ beschäftigen den Teenager. Und mit den Eltern durchlebt er eine zweite Trotzphase, in der wiederum die Balance zwischen Ablösung und Selbstständigkeit und dem Wunsch nach Geliebtwerden und Geborgenheit im Vordergrund steht. Dass all dies zu großer Verwirrung und Gefühlschaos führen kann, macht es vielleicht leichter, Verständnis für einen pubertierenden Haustyrannen aufzubringen. „In gewisser Weise besteht die elterliche Funktion während der Pubertät darin, die Wut erzeugende Widersprüchlichkeit des Heranwachsenden auszuhalten und durchzustehen“, so Joachim Braun. Und „Je mehr sich Jugendliche in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit von Wut, Zuneigung, Trauer und Abhängigkeit an ihren Eltern austoben und abarbeiten können, desto befreiter werden sie erwachsen.“

respektieren sie das Bedürfnis nach Alleinsein und Geheimnissen, das ist ein Teil des Ablösungsprozesses
bereiten sie ihren Sohn auf die körperlichen Veränderungen, wie z.B. auf den ersten Samenerguss, vor. Joachim Braun schreibt dazu: „Jungen, die darüber informiert werden, erleben dieses Ereignis tendenziell positiver und mit weniger Unsicherheiten als solche, die nicht informiert sind.“
lassen sie ihrem heranwachsenden Jungen immer mehr Freiheiten, versuchen sie selber, die Jahre der Pubertät als ihren eigenen Lernprozess des Loslassens zu nutzen. Ihr Sohn sollte aber auch gleichzeitig immer mehr Verantwortung, z.B. für die Höhe der Handyrechnung oder für bestimmte Haushaltsaufgaben übernehmen.
Jungs dürfen auch schwach, ängstlich und traurig sein. In der Familie sollten Tränen oder Schwäche bei Jungen nicht Tabu sein oder zu herablassenden Bemerkungen führen („Bist Du ein Mann oder eine Maus? Ein Indianer kennt keinen Schmerz! Heulsuse“...)
stellen sie Zeit für gemeinsame Unternehmungen und Gespräche zur Verfügung. Gerade Eltern, die sich vom trotzenden Pubertierenden abgelehnt fühlen, unterschätzen ihre Rolle als Vorbild, Ansprechpartner und Unterstützung für ihren Sohn.
Verhütung und Aidsprävention ist auch für Jungen ein wichtiges Thema. Ein Junge, der Sexualität leben möchte muss auch Verantwortung übernehmen und gut informiert sein.



Titel
Jungen in der Pubertät.
Wie Söhne erwachsen werden
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© Rowohlt 2003
Autor
Joachim Braun
Zielgruppe Eltern
Verlag Rowohlt Tb. - Reihe rororo - 3. Auflage
Kategorie Ratgeber - Sachbuch
ISBN 3-499-61407-3
Preis 9,90 €

Titel
Das Jungen-Fragebuch
Neuauflage


© Ueberreuther 2003
Verfasser
Sylvia Schneider
Zielgruppe Kinder u .Jugendliche
ab 12. Jahren
Verlag Ueberreuther
Kategorie Ratgeber - Sachbuch
ISBN 3-8000-1588-9
Preis 9,95 €

Das Jungen-Fragebuch befasst sich mit folgenden Themen:
· Sexualität · Liebe · Rollenkonflikte · Statussymbole · Gewalt · Drogen · Fitness · schulische Belange · Berufswahl · mögliche Lebensformen.
Zu jedem Thema gibt es viele Informationen und Tipps.

Autorin: Nikola Materne