Auszug aus Kapitel 2
Aus weiter Ferne drang das Piepsen des Weckers an mein Ohr. Es
kam näher, wurde fordernder, schriller, bis es sich wie eine Spirale in
meinen Kopf bohrte. Als ich die Bettdecke zurückschlug, fühlte ich
mich wie gerädert. In meinem Zimmer herrschten arktische Temperaturen,
den kleinen Bären hielt ich noch immer in der Hand. Fröstelnd
ging ich zum Fenster, das weit offen stand. Als ich auf die Straße sah,
fiel mein Blick als Erstes auf die Laterne. Der Platz darunter war leer.
Einer unserer Nachbarn verließ gerade das Haus, stieg in seinen Wagen
und fuhr davon. Auf dem Bürgersteig kreischte Lasse, der kleine
Junge aus der Wohnung im Erdgeschoss, weil ihm sein Brötchen aus
der Hand gefallen war, und vor einem der Bäume hob ein wuscheliger
Mischlingshund sein Bein.
Die Straße sah aus wie an jedem anderen Morgen. Aber warum
machte mir der gewohnte Anblick mehr zu schaffen als der von letzter
Nacht? Der Fremde hatte direkt in mein Fenster gestarrt, was im
Tageslicht betrachtet wirklich eine gruselige Vorstellung war. Die
Tatsache, dass der Platz unter der Laterne jetzt leer war, sollte mich
also eigentlich beruhigen, aber das tat er nicht – im Gegenteil.
Ich schüttelte meinen Kopf, um das wattige Gefühl loszuwerden.
Was war nur mit mir los?
Vermutlich hatte mich mein Albtraum so aus der Bahn geworfen.
Die Träumerin in unserer Familie war eigentlich Spatz, die ich
manchmal sogar um ihre nächtlichen Abenteuerreisen beneidete,
während ich mich morgens fast nie daran erinnern konnte, dass ich
überhaupt geträumt hatte.
Musste es ausgerechnet dieser Traum sein, der mir in allen Einzelheiten
im Gedächtnis geblieben war? Seltsamerweise hatten sich besonders
die Farben dieses Raumes in irgendeinem Winkel meines
Hirns eingebrannt. Dieser plüschige grüne Teppich, die Tagesdecke
mit den bunten Blümchen – rot, gelb und violett. Gequält grinste ich
auf. Du meine Güte, ich würde in einem holzgetäfelten Zimmer mit
geblümter Tagesdecke und einem grünen Plüschteppich sterben, das
war wirklich ein Albtraum.
Was wohl Suse dazu sagen würde?
Ich riss mich vom Fenster los, ging unter die Dusche und drehte
den Warmwasserhahn bis zum Anschlag auf. Das heiße Wasser half
tatsächlich. Als ich aus dem Bad kam, fühlte ich mich – na ja, wie
neugeboren wäre eine Wunschvorstellung gewesen – aber zumindest
etwas besser.
Ich schlüpfte in die Jeans von gestern, zog ein Shirt und einen Kapuzenpulli
über und ging in die Küche. Spatz saß in ihrem schwarzen
Kimono am Frühstückstisch. Ihre Haare standen in alle Richtungen
ab und ihre kleinen Hände legten sich um die Suppentasse mit heißer
Milch. Über den Rand ihrer Tasse hinweg warf sie mir einen ihrer typischen
Spatz-Blicke zu, mit denen sie ganze Romane erzählen
konnte. Vor allem morgens, wenn sie zu verschlafen war, um einen
vollständigen Satz herauszubringen. Heute sagte ihr Blick: Janne hat
erzählt, was letzte Nacht mit dir war. Ich hoffe, es geht dir besser.
Mein Platz am Frühstückstisch war schon gedeckt. Janne war ein
Morgenmensch. Wenn um halb sechs ihr Wecker klingelte, sprang
sie in ihre Joggingsachen, lief ihre Runde an der Elbe und war bereit
für den Tag. Ihre ersten Klienten empfing sie meist um halb acht, so
wie heute Morgen auch.
Ich zog den Zahnstocher aus meinem Sesambrötchen. An seinem
oberen Ende klebte ein Zettel mit einem zähnefletschenden Strichmännchen.
Zeig Tyger den Tiger, tausend Küsse, Mam, stand darunter.
Ich musste grinsen, vor allem über die Zeichnung. Jannes Malkenntnisse
waren auf dem Stand einer Fünfjährigen.
Mach dich nicht über deine arme Mutter lustig, sie hat den halben
Morgen an diesem Kunstwerk gearbeitet, sagte Spatz’ Blick.
Ich biss versuchsweise in das Brötchen, und als mein Magen nicht
rebellierte, schob ich eine Scheibe Salami und ein Schälchen Krabbensalat
hinterher, weniger aus Hunger als in der vagen Hoffnung,
damit das leere Gefühl in meiner Brust zu bekämpfen, das ich immer
noch nicht losgeworden war.
Mein Unterricht begann erst um acht, aber ich verließ das Haus ein
wenig früher als sonst und überquerte die Straße. Ich lehnte mich mit
dem Rücken an die Laterne vor unserem Haus und blickte zu meinem
Fenster hinauf. Es lag im vierten Stock. Ich versuchte mir vorzustellen,
was der Fremde gesehen oder vielmehr: gesucht hatte. Mich?
Meine Augen wanderten ein Stockwerk weiter runter. »Oder Frau
Dunkhorst«, sagte ich laut und versuchte meine nervtötende Stimmung
wegzualbern, was auch prompt klappte.
Frau Dunkhorst war eine Hypochonderin, vor der alle Mitbewohner
im Treppenhaus die Flucht ergriffen. Letzten Monat hatte es
Spatz nicht mehr rechtzeitig geschafft und musste sich eine halbe
Stunde lang die gefährlichen Symptome einer höchst seltenen Augenkrankheit
anhören, die Frau Dunkhorst angeblich befallen hatte.
Unter geschlossenen Lidern sah sie tanzende Mücken und ging davon
aus, dass sich ihre Netzhaut jede Minute ablösen konnte. Mehrmals
pro Woche rief Frau Dunkhorst den Notarzt, einmal hatte sie bei
sich selbst einen Milzriss diagnostiziert.
Ich grinste und drehte mich entschlossen um. Okay, die Sache lag
auf der Hand. Der Typ von gestern Nacht war vermutlich ein entnervter
Sanitäter gewesen, der im Schutz der Dunkelheit ausgekundschaftet
hatte, wie er Frau Dunkhorst am besten um die Ecke bringen
konnte.
Ich ging in die Garage, schloss mein Fahrrad auf und war ein paar
Minuten später unterwegs.
Mein Englischlehrer saß schon am Pult, als ich das Klassenzimmer
betrat. Sein Name war Morton Tyger. Mit seinem grau melierten
Haar, der hohen Stirn und den blitzblauen, beunruhigend wachen
Augen hatte er etwas von einem englischen Aristokraten, der ins falsche
Zeitalter gerutscht war. Wie immer hatte er ein Buch vor der Nase,
eine Tasse dampfenden Tee in der Hand und trug einen altmodischen
Anzug, dunkelgrau mit einer hellblauen Seidenfliege. Aus seiner
Jacketttasche lugte die goldene Kette von Tygers Taschenuhr,
ohne die ich meinen Englischlehrer noch nie gesehen hatte.
Dass er mein gemurmeltes »Good Morning« mit einer hochgezogenen
Augenbraue quittierte, war ich ebenfalls gewohnt. Trotzdem
versetzte mir sein Verhalten immer wieder aufs Neue einen Stich. Es
ist eine Sache, von einem Lehrer nicht gemocht zu werden, in dessen
Fach man eine Niete ist. Aber bei mir war das Gegenteil der Fall. Englisch
hätte schon allein deshalb mein bestes Fach sein können, weil
ich dank Dad zweisprachig aufgewachsen war und mich nicht wie
die anderen mit dem Lernen von Vokabeln abquälen musste.
In Tygers Unterricht gab es jede Menge davon. Dabei hielt er sich
weder an Lehrpläne noch an die Inhalte unserer Englischbücher. Stattdessen
lasen wir Kurzgeschichten oder Romane, hauptsächlich klassische
Science-Fiction oder Schauergeschichten britischer Schriftsteller.
Wie Tyger damit durchkam, war uns allen ein Rätsel, aber offensicht-
lich wagte es nicht mal unsere strenge Direktorin, sich diesem eigenwilligen
Lehrer zu widersetzen.
Als ich mich auf meinem Platz neben Suse niederließ, musterte Tyger
mich noch einmal über den Rand seines Buches hinweg. Doch
diesmal blieb sein Blick länger an mir hängen und auf seiner hohen
Stirn bildete sich eine winzige Falte.
»Hilfe«, sagte Suse, die mich ebenfalls von der Seite anstarrte. »Hast
du Drogen gefrühstückt? Du siehst aus wie ausgekotzt.«
»Danke, ich liebe dich auch.«
Ich kramte mein Schreibzeug aus der Schultasche. Das Klassenzimmer
füllte sich. Als Sebastian an meinem Tisch vorbeikam, klingelte
es.
| Buchtitel |
Lucian |
Autorin |
Isabel Abedi |
| Zielgruppe |
Jugendliche ab 14 Jahren |
| Verlag |
Arena Verlag; Auflage: 1., Aufl. (9. September 2009) |
| Kategorie |
Jugendbuch |
| ISBN |
978-3-401-06203-7 |
| Preis |
18,95 € (gebundene Ausgabe) |
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Musste es ausgerechnet
dieser Traum sein,
der mir in
allen Einzelheiten
im Gedächtnis geblieben war?
Seltsamerweise
hatten sich
besonders
die
Farben dieses
Raumes in
irgendeinem
Winkel meines
Hirns eingebrannt.
Wie Tyger
damit durchkam,
war uns allen
ein Rätsel,
aber offensichtlich wagte es nicht
mal unsere
strenge Direktorin,
sich diesem eigenwilligen
Lehrer zu
widersetzen.
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