Das aktuelle Interview 

"starke-eltern.de" im Gespräch mit Eckard Schiffer 
SE: "Herr Schiffer, wie sind Sie zu diesem außergewöhnlichen Buchtitel gekommen ?"
Dr. Schiffer: "Huckleberry Finn ist der Bürgerschreck schlechthin - faul, verwahrlost, ohne festen Wohnsitz. Der Vater ein gewalttätiger Säufer, von der Mutter ist schon gar nicht mehr die Rede. Nach unseren heutigen Vorstellungen wäre demnach Huckleberry Finn hochgradig suchtgefährdet. Der Huckleberry Finn kommt jedoch gut über die Runden. Er hat eine lebendige Fantasie, die seine Welt bereichert und die er nicht mit Drogen trotz seiner desolaten sozialen Situation aufbessern muss. Und er hat auch keine innere Stimme, die er zudröhnen müsste, weil sie ihm ständig sagt, das, was Du machst, taugt nichts, ist nicht gut genug."
SE: "Warum hat gerade er diese lebendige Fantasie?"
Dr. Schiffer: "Ihm redet keiner rein. Er steht nicht unter dem heute üblichen Stress des durchorganisierten kindlichen Tages. Und wenn er schwimmt oder sein Floß baut, dann, weil das an sich ein Wert ist und ein Spaß, und nicht, weil er als erster ankommen soll.
  Alle schöpferischen Tätigkeiten, mit denen Kinder und Jugendliche auf ihre ganz eigene Weise die Welt und ihren Platz darin erobern, sind zu Wettbewerben geworden. Es geht um die gute Note oder ums Gewinnen. Also nicht mehr um den schöpferischen Prozess, die Erfahrung, den Spaß, sondern um das Ergebnis, und das muss möglichst gut im Sinne der Erwachsenen sein."
SE: "Ist das Leistungsprinzip also die Ursache für Suchterkrankungen bei Kindern und Jugendlichen?"
Dr. Schiffer: "Jein. Sucht hat viele Ursachen und Gesichter. Aber in unseren Kindern gehen die Möglichkeiten, die Welt sinnlich und nach eigenen Regeln zu erfahren, immer mehr verloren. Ein Ball, den ich nur vom Fernsehen her kenne, hat eine ganz andere Fantasie-Intensität als einer, mit dem ich zusammen mit Freunden gebolzt habe. Und Kinder aus sehr leistungs- und aufstiegsorientierten Familien verinnerlichen ähnlich wie die aus gestörten oder gar zerstörten Familien ganz stark: Du bist nur was, wenn du bringst, was gefordert wird, wenn du im Sinne von Leistung und richtigem Verhalten erfolgreich bist. Wenn sie keine Chance sehen, das Erwartete zu leisten, versuchen sie ihr Selbstwertgefühl durch Suchtmittel oder Gewalt zu stabilisieren."
SE: "Wie sieht dann Ihrer Meinung nach eine erfolgversprechende Suchtprävention aus?"
Dr. Schiffer: "Sie ergibt sich aus dem eben gesagten. Eine früh erzwungene Leistung und Anpassung würgt das kreative Potential und damit die Eigenmotivation ab. Die entsteht nicht aus dem Kampf um gute Noten, sondern aus der Erfahrung, selbst etwas gestalten zu können, ohne dass einer vorschreibt, wie das Ergebnis auszusehen hat. Die Kraft, an sich selbst zu glauben, selbst etwas bewirken zu können, begründet eine Hoffnung, die auch in schwierigen Zeiten nicht verzweifeln lässt. Eltern sollten ihren Kindern daher möglichst viele Freiräume schaffen. Im spielerisch-schöpferischen Handeln der Fantasie Flügel wachsen lassen und dabei zugleich das Selbstbewusstsein stärken, gehört mit zu den einfachsten und zugleich wirksamsten Formen der Suchtvorbeugung im Kindesalter. Denn eine lebendige Fantasie ermöglicht ein reiches Innenleben, dass keiner ständigen neuen Reize und Sensationen bedarf, um etwas zu erleben. Darüber hinaus ermöglichen Fantasien und Selbstbewusstsein geeignete Konfliktlösungen, die Spannung und Frustrationen vermeiden helfen – eben das Huckleberry Finn Prinzip."
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